Natürlich darf ich den Weimarer Zwiebelmarkt nicht vergessen: Thüringens ältestes und grösstes Volksfest ist noch in vollem Gange, über 300.000 Besucher werden erwartet und wer hat den Markt wohl eröffnet: Natürlich "Kani" am Donnerstagabend auf der temporären Bühne der Musikerkneipe am Teichplatz.
"Kani" (Bernhard Kanhold) und ich kennen sich schon sehr lange; als er E-Dur und A-Dur auf der Gitarre greifen konnte, wollte er anfangs der 60er Jahre eine Band aufmachen. Ich war damals zeitweilig in der Kommission des Weimarer Kreiskabinetts für Kulturarbeit für die Einstufung der Amateurkapellen und habe mich vehement dafür eingesetzt, dass "Kani" und seine Freunde eine Spielerlaubnis bekamen. Man war der Meinung, dass man diese Jungs mangels Spielqualität noch nicht auf ein Publikum loslassen dürfe. Ich habe argumentiert: Wo sollen die Jungs denn sich entwickeln, wenn sie nicht auftreten dürfen? Und so bekamen sie eine vorläufige und befristete Spielerlaubnis und "Polyphon" war geboren. Hier zeige ich ein Foto von 1963: "Kani" im Kasseturm in seiner auch damals schon unverwechselbaren Pose, die ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist:
Ich kann mich noch gut an ein Konzert der " Berliner Dampferband" im Kasseturm erinnern, bei dem "Kani" erstmalig eine Stripperin im Turm auftreten liess und damit Furore machte.
2008 hat "Kani" sein 45jähriges Bühnenjubiläum im ehemaligen Reithaus zusammen mit der Weimarer Gruppe "Rest of best" und deren 20jährigem Bühnenjubiläum gefeiert.
In diesem Jahr verabschiedete sich ohne großes Aufheben ein Stück Alt-Weimar - zwischen Marktstraße und Rittergasse wurde das Hintergebäude Marktstraße 20 nach jahrelangem Verfall endgültig abgerissen. Dieser Nachruf soll daran erinnern, dass es keine unbedeutende Ruine war, sondern ein Gebäude mit besonderer Bedeutung für Weimar.
In der Marktstraße 20 gründete Theodor Scherff nach langjähriger Schaustellertätigkeit am 25. Dezember 1906 sein erstes stationäres Kino, das sog. "Bioskop-Theater" (1910 folgten ähnliche Kinos in der Eisenacher Alexanderstraße 13 und Bahnhofstraße 27). Das "Th. Scherff Lichtschauspieltheater" war damit das erste Kino in Weimar, denn Louis Held´s "Reform Lichtspiele" in der Marienstraße 1 starteten erst am 30. November 1912.
Der Zuschauerraum in Weimar musste mehrmals vergrößert werden, da die ständig steigenden Zuschauerzahlen dazu zwangen. Durch Zukauf von Nachbargrundstücken und Überdachung des Hofes hinter dem Kino schuf Scherff bis 1911 eines der "modernsten und bedeutendsten Theater Deutschlands" (Doernfeld 1926). Die Sitzplätze waren bereits auf einer schiefen Ebene angebracht, der Orchesterraum befand sich wie im Theater unterhalb der Projektionsfläche und der Einbau von Heizung und Lüftung erhöhte den Komfort für die Kinobesucher. Durch weitere Anbauten wurde der Zuschauerraum ab 1913 auf 700 Sitzplätze erweitert.
1918 musste sich Theodor Scherff wegen Krankheit vom Geschäft zurückziehen, Tochter und deren Ehemann übernahmen das Kino. 1939/40 firmierte es als "DELI Deutsche Lichtspiele". Nach Bombenschäden im März 1945 wurde das Kino 1949 wieder aufgebaut und hieß nun "Stern-Lichtspiele". 1964 wurde es für immer geschlossen. Einige Jahre noch als Turnhalle für die Schulen der Innenstadt genutzt, verfiel das Gebäude immer mehr und musste nun sogar abgerissen werden.
Ich zeige hier eine Anzeige aus der Weimarer "Abendpost" vom 16. März 1950, die damaligen drei Weimarer Lichtspiele (Stern-Lichtspiele Marktstraße 20, Lichtspiele der Jugend, Goetheplatz 11 und KWU Weimarhalle) zeigten in dieser Zeit ausschließlich sowjetische Filme.

Während aus dem Eisenacher Bioskop-Theater Alexanderstraße 13 ab 11. Juli 1919 die "Central-Lichtspiele" wurden, bestand das "Elite-Bioskop-Theater" Bahnhofstr. 27 nur bis 10. März 1922.
Literatur:
W. Wagner "Frühes Kino in Weimar" Bauhaus-Universität Weimar 2000
http://de.wikipedia.org/wiki/Kinos_in_Eisenach
"Er war ein gut aussehender Junge mit einem schönen Lächeln und Hasenzähnen." So beschreibt Mustafa Wasiri, Direktor der ägyptischen Ausgrabungsstätte Tal der Könige den Leichnam des Pharao Tutanchamun, der in seinem Grab seit Anfang November nun der Schaulust des Touristenpublikums ausgesetzt wird. In einer klimatisierten Glashülle soll die Mumie des Pharao vor Zerfall und Zerstörung geschützt werden.
Aber warum muß die Hülle durchsichtig sein? Doch offensichtlich nur, um mehr Touristen anzulocken und deren Sensationsgier zu befriedigen. Kristina Bergmann schreibt im Feuilleton der "Neuen Züricher Zeitung", "dass die Ausstellung der Mumie an billige Sensationslust, an abstoßende Enthüllung, ja an Leichenschändung grenzt." Dabei hatte der Totenkult der alten Ägypter genau dies nicht zum Anliegen; die Toten sollten "sicher und gut begleitet in die andere Welt fahren" und nicht zu einer willkommenen Geldquelle für die Nachkommen werden. Spiegel-online: "Das in den Jahrtausenden schwarz gewordene Gesicht soll Touristen in das Tal der Könige im ägyptischen Luxor locken."
Noch ein anderer Aspekt beschäftigt mich, wenn ich die Bilder des toten Pharao sehe: Immer öfter und mit großer Intensität werden unsere Mythen und Geheimnisse entzaubert und in das Licht der Öffentlichkeit gerissen, aus Sensationslust und Geschäftssinn. Da wird z. B. die Titanic aus ihrem Dauerschlaf auf dem 4000 m tiefen Meeresgrund geweckt und gnadenlos ausgeschlachtet. Für ca. 35.000 € ist es möglich, in einer Kapsel zum Wrack hinab zu tauchen. Ken Marschall´s atemberaubende zeichnerische Darstellungen zeigen auch das nicht Sichtbare auf dem Meeresgrund und machen es zum banalen Bestandteil der medialen Sensationen. Eines der großen Geheimnisse, die Kinder und jung gebliebene Erwachsene so lieben, waren Suche und Entdeckung des Felsengrabes des Pharao Tutanchamun. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mich als Schüler die Schilderungen der Archäologen über die Ausgrabungen fesselten (in der Kreisbibliothek Mühlhausen hatte mein großer Bruder ausgeliehen und mich mit lesen lassen: Howard Carter, Arthur Mace: Tutanchamun. Ein ägyptisches Königsgrab. 3 Bde. Leipzig 1927).
Die drei Bände haben mich mehr gelehrt über das Pharaonenreich als all die heute erhältlichen Prachtbände; sie waren authentisch und zeitnah, bei allem blieben Dunkel und Mysterium erhalten und faszinierte. Heute aber wird alles, auch ein Leichnam, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und takt- und rücksichtsloser Schaulust preisgegeben.
Nameskartusche des Tutanchamun:
links der Thronname: NEB-CHEPERU-RE (Herr der Erscheinungsformen ist Re)
rechts die Namenskartusche: TUT-ANCH-AMUN (Lebendes Abbild des Amun)
Das Stadtmuseum Weimar zeigt in einer Sonderausstellung "Nackte Musen. Weibliche Aktmodelle um 1900."
Dr. Alf Rößner, Leiter des Stadtmuseums, ist auch Kurator der Sonderausstellung. In eineinhalb- jähriger Arbeit hat er aus dem Nachlass des Weimarer Kunstmalers Heinrich Plühr (1859 - 1953) ca. 500 Glasnegative mit von Plühr angefertigten Stereo-Aktaufnahmen erschlossen und für diese Ausstellung aufbereitet.Heinrich Plühr, der ab 1883 als Schüler von Max Thedy an der Weimarer Kunstschule studierte, gilt als letzter Künstler der Weimarer Malerschule. Sein künstlerisches Werk ist heute in Weimar nahezu in Vergessenheit geraten. Nach einer Lithographenlehre arbeitete er später als Photograph und "Retoucher." Diese Kenntnisse setzte er bei seinen Stereofotos als Vorstufe für Gemälde ein; sie haben einen eigenen künstlerischen Stellenwert und zeigen Heinrich Plühr als Meister auch dieser künstlerischen Technik. Die Bilder stammen größtenteils aus der sog. "Böcklin-Phase" des Malers, einer Schaffensperiode um 1900 bis zum Ende des 1. Weltkrieges, in der sich Plühr an den Werken Arnold Böcklins (1827 - 1901) orientierte.
Die Ausstellung zeigt Fotoabzüge der Stereofotos; als besondere Attraktion aber Stereoskopien auf Glas in einem großen schwarz bemalten Holzkasten mit Lochpaaren zum Hineinsehen. Neben diesen Stereo-Foto-Karten, die man mit Lorgnetten (einfachen Prismen-/Lupenbrillen) betrachten kann, wurden die Originalfotos vergrößert als Anaglyphenbilder aufbereitet. Bei dieser Technik wird jedes Halbbild jeweils mit einer Komplementärfarbe versehen übereinander projiziert oder gedruckt und mit einer Brille in genau diesen Farben betrachtet: rot - links, cyan - rechts. Dieses Anaglyphenverfahren (Anaglyph = reliefartig, ziseliert, erhaben) entwickelten unabhängig voneinander 1853 der Naturwissenschaftler Wilhelm Rollmann und 1858 J. Ch. D´Almeida.
Die Aufbereitung der Stereofotografien für die Ausstellung übernahmen Jürgen Postel und Peter Kaiser (Perspectrum Nürnberg) für die Echtfarben-Anaglyphendarstellung. Letzterer hat auch kleine Betrachtungsstereoskope aus Pappe mit eingeklebter "Nackten" angefertigt, die käuflich erworben und als Postsendung verschickt werden können
Die Ausstellung wird komplettiert mit einigen Porträts von Heinrich Plühr und Ausstattungsgegenständen aus den Beständen des Stadtmuseums, um die intime Atelieratmosphäre zu unterstreichen, in der die Fotos entstanden sind. Ein ausführlicher Katalog mit der stereoskopischen Wiedergabe aller Aktfotos (500 nummerierte Exemplare wurden aufgelegt) vervollständigt diese kleine, aber feine Ausstellung. Sie ist geöffnet vom 9. Juni bis 9. September 2007.
Heinrich und Emma Plühr 1895
Heinrich Plühr und auch seine zweite Ehefrau Katharina verbrachten ihre letzten Lebensjahre in Weimar in Armut. Völlig mittellos erhielten sie erst 1951 (Heinrich Plühr) bzw. 1954 (Katharina Plühr) Altersrenten von 65,- bzw. 80,- DM. Plühr starb am 5. Januar 1953. Seine Grabstätte ist inzwischen neu belegt.
Nachbemerkung: Wer sich für Stereofotografie interessiert, findet alles erforderliche Zubehör bei Peter Kaiser in Nürnberg in seinem Perspektrum 3D-Shop (perspektrum.de). Informativ auch 3dphoto.
Hier ist unsere Entscheidung für den Sonnabend Abend: ins Kino anstatt zur Museumsnacht.
Zu den Piratenfilmen bin ich durch den Soundtrack gekommen; im Autoradio hatte ich das Piratenthema des ersten Films "Fluch der Karibik" gehört und aufmerksam geworden, in der Playlist von mdr-figaro gefunden. Da ich von den sinfonischen Klängen mit "der Subtilität einer glühenden Kanonenkugel" gefesselt war, folgte der Kauf der CD´s mit der Musik von Klaus Badelt. Badelt, 1968 in Frankfurt am Main geboren, begann seine Karriere mit Musik für Werbespots und Videospielen. Musik zu den Fernsehfolgen "Peter Strohm" und "Tatort" waren erste Erfolge. 1997 landete er in den Studios von Hans Zimmer in Kalifornien und seitdem ging es nur aufwärts. Die Soundtracks der beiden Fortsetzungen von "Fluch der Karibik" basieren unverkennbar auf der Arbeit zum ersten Film, allerdings wird nur in der CD zum ersten Film Klaus Badelt als Komponist ausgewiesen, die anderen tragen den Namen Zimmer als Komponist. Die musikalische Idee des ersten Films und seine durchschlagende Qualität wird aber meiner Meinung nach in den Fortsetzungen nicht mehr erreicht. Nur das Piraten-Thema scheint immer wieder einprägsam auf, sodass es bereits auch außerhalb der Filme gespielt wird.
Klaus Badelt ist in Deutschland bis heute für viele kein Begriff. Zur Frage nach seiner musikalischen Ausbildung antwortet er: "Ich habe das Abitur - und den Führerschein."
Was unserer Regierung alles so einfällt: "Fit statt Fett" heißt jetzt das Regierungsprogramm und soll uns die körperliche Ertüchtigung für Flexibilität, Belastbarkeit und Anpassung an die Erfordernisse der Wirtschaft verordnen. Das Wort "kostengünstig" fehlt noch, ist wohl aber der eigentliche Hintergrund. Der Weg zur wirtschaftlichen Verwertung des Einzelnen in unserer Gesellschaftspolitik wird immer deutlicher: "Wir werden überwacht, kontrolliert und drangsaliert und man legt uns nahe, wie wir unser Leben ... am effektivsten zu gestalten hätten" ("Pillo" im Forum der Tagesschau). Ein Vorschlag aus dem gleichen Forum: "... Allgemein verpflichtende, jährlich stattfindende amtsärztliche Reihenuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr einführen, die gegebenenfalls Nachschulungen der Eltern zur Folge hätten."
Bin ich froh, dass die Regierung auf Verordnungen und Strafen (vorerst) verzichten will.
Ab zum Mittagessen!
Kurz nach 1990 habe ich mir ein jeans-ähnliches Hemd gekauft, hellblau leicht verwaschen mit farbigen Nähten und kleinen Stickereien an den Brusttaschen. An diesem Hemd habe ich sehr gehangen und besonders wertvoll wurde es, als ich anlässlich eines Fernseh-Interviews Götz George in eben diesem Hemd vor der Kamera sitzen sah. Also nur Schimanski und ich hatten solch ein Hemd; ich habe es nie wieder bei anderen gesehen. Leider wurde das Hemd inzwischen durch S. bei einer Razzia nach "untragbaren" Hemden im Kleiderschrank auf Grund seines hohen Verschleissgrades gnadenlos entfernt. Bei Schimanski bin ich mir nicht sicher, ob er wohl immer noch in dem alten Hemd auf Sendung geht.
An diese Episode musste ich denken, als ich dieser Tage in unserer Tageszeitung eine kurze Notiz las, dass Götz George kein gutes Haar mehr an der Krimi-Reihe "Tatort" lässt:
"Früher gab es sechs mal im Jahr einen ´Tatort´. Das war ein Highlight. Heute läuft zweimal am Tag ein ´Tatort´, jeder zweite Schauspieler wird ´Tatort´-Kommissar."
Diese ständigen Wiederholungen haben tatsächlich der Reihe gewaltig Abbruch getan; als alter "Tatort"-Fan war ich bitter böse, als im vorigen Sommer (2006) sogar sonntags zur "Tatort"-Zeit nur noch Wiederholungen alter Sendungen gezeigt wurden. Ich bin gespannt, ob sich dies im kommenden Sommer wiederholt.
Zum Werteverfall im Deutschen Fernsehen nochmals Götz George: "Die Menschen, die heute populär sind, das sind Friseure, Talkmaster und Frauen mit gefärbten Haaren und aufgepumpten Brüsten und - Köche. Köche! Und wenn man zu einem Event eingeladen wird, steht man plötzlich neben Friseuren, Köchen, Telenovela-Sternen und anderen Knalltüten. In dem Punkt bin ich wie Schimanski. Der verbündet sich nicht mit Menschen, die er nicht mag."
Beim Aufschlagen der FR vom 20. März fiel mir eine Beilage in die Hände, die auf den ersten Blick wie eine der üblichen Anzeigen-Beilagen wirkte. Schon halb auf dem Weg in den Papierkorb sah ich etwas genauer hin: da schreibt Sönke Reimers, Geschäftsführer der FR über ein Zeitungsprojekt "FRiSCH" - Frankfurter Rundschau in der Schule", das bereits seit vergangenem Sommer die Zeitung unterrichtsbegleitend den Schulen als kostenloses Arbeitsmittel zur Verfügung stellt. Das starke Interesse der Schüler führte sogar zur Gründung einer FR-Jugendredaktion.
Und diese Jugendredaktion schwärmte im Februar aus, um beim Unternehmen McDonald´s, einem der Hauptsponsoren des Projektes, hinter die Kulissen zu schauen. Wörtlich: "Diese Beilage wurde von unseren FRiSCH-Schülerreportern eigenständig redaktionell erstellt. Die Möglichkeit dazu hat ihnen der Wirtschaftspartner des Projektes, McDonald´s Deutschland, gegeben." Und weiter: "Mit vielen kritischen Fragen und großem journalistischen Eifer sind die an die Sache herangegangen."
Natürlich habe ich mir daraufhin die acht Seiten etwas näher angesehen. Und das Ergebnis: Es handelt sich unzweifelhaft um eine Werbepublikation für McDonald´s. Dafür spricht auch der unverblümte Vermerk auf der ersten Seite: "Eine Anzeigen-Beilage von McDonald´s." Da ist es mit der kritischen Recherche nicht weit her, wenn Vorstandsvorsitzender, Personalchef und Direktor Marketing dieses Projekt für die geschönte Darstellung der Unternehmenspolitik nutzen. Nicht nur, dass hier Werbung und PR mit Journalismus vermischt wird, besonders empörend ist der Mißbrauch der jugendlichen Begeisterung und des Interesses der Schüler an der journalistischen Arbeit für die Selbstdarstellung eines Konzerns. Eine an sich gute Sache wie das Projekt "Zeitung in der Schule" mit der Chance für die Schüler zur eigenen Gestaltung journalistischer Themen und dem Heranführen an die Medien-Branche wird so zur Farce.
Originalton Reimers:" Gemeinsam (mit McDonald´s !) konnten wir unserem Anspruch gerecht werden, Jugendliche zu fördern, ihr Urteilsvermögen zu schärfen und ihr Interesse an kritischem Journalismus zu erfüllen." Wenn das nicht ein zynisches Programm für eine angeblich linksliberale Tageszeitung ist !
Die Praxis der Tageszeitungen, die Seiten zunehmend mit solchen vom normalen Zeitungstext schwer zu unterscheidenden Anzeigen-Beilagen zu füllen, stößt bei mir auf immer weniger Gegenliebe und wird wohl eines Tages dazu führen, daß ich mir das tägliche Tageszeitungs-Werbe-Blatt erspare. Dazu kommt, daß infolge der sich ständig vermehrenden Aufkleber auf den Briefkästen "Keine Werbung !" immer öfter Werbung direkt der Zeitung beigelegt wird, so daß man ihr nur noch durch Abo-Kündigung ausweichen kann.
Die Rückschau auf die 50er bis 70er Jahre macht im Fernsehen auch vor Schlager und Popmusik nicht halt. Am Freitag, 16. Februar 2007 konnte man im Direktvergleich zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen die unterschiedliche Vermarktungsstrategie der Sender studieren: bei RTL lief von 21.15 bis 23.00 Uhr die "ultimative Chart Show - Die erfolgreichsten Stars der 70er Jahre" in der Moderation von Oliver Geissen und der NDR zeigte als Zuschauer-Hitparade "Die schönsten Love-Songs" von 22.10 bis Mitternacht. Schon die Ankündigung im Programmheft zur RTL-Show "... T.Rex und Sweet sorgen für die passende musikalische Kulisse" sollte die interessierten Fernsehzuschauer eigentlich warnen: "Kulisse ?" Tatsächlich waren die Gruppen und ihre Musik nur Kulisse; mit ständigem nichtssagenden Hereingequatsche durch Fernsehprominenz in Einblendungen von links und rechts wurden die sowieso nur kurz angespielten Titel regelrecht zerhackt und von der Musik blieb nur "Kulisse". Da war sich auch Günther Jauch nicht zu schade, seinen 2-Sekunden-Kommentar zu liefern. Der reduzierte sich meist geistreichend und vielsagend auf Aussagen wie "Toll, wie die Jungs spielen !" oder "Dieser Titel zieht immer noch !".
Ganz anders im NDR: Die Titel wurden komplett gespielt, die Gruppe gezeigt und, um Langeweile zu vermeiden, zwischendurch Tanzpaare zur laufenden Musik "als Kulisse eingeblendet", was dem Genuss des Hörens und Sehens keine Abbruch tat. Als ehemals selbst in der Musikerszene verwurzelt will ich die Musiker in langen Einstellungen sehen und nicht ständig durch Kameraführung und Schnitt irritiert werden. Längere Einzelaufnahmen der Musiker wechselten mit der Totalen ab, da kann man die Musiker nicht nur hören, sondern auch sehen. Dazu gekonnte Einlagen - Joja Wendt, der Mann, der auch im Liegen Klavier spielt (diesmal Gershwin´s "Rhapsody in Blue" rückwärts liegend) - und Hintergrundinformationen zu den Titeln und Kurzgespräche mit den Musikern (Foodsgarden) machten die Sendung interessant. Dazu kam eine sorgfältige Auswahl der Aufnahmen: Peter Maffey mit "Sonne in der Nacht" hat mich noch nie vom Hocker gerissen, aber immerhin mit einigem Aufmerksamkeitswert die Version unplugged zu dritt - 2 Gitarren und Perkussion - immer besser als das große Video. Musiker lieben solche Aufnahmen. Und die Stones: mit "Angie" und Blümchen an den Gitarren. Lediglich Grönemeyer kann mich nicht erwärmen, seine Texte sind immer unverständlich genuschelt, er singt nicht, sondern grönemeyert nur.
Natürlich lassen die Konzeptionen der Sendungen auf ein verschiedenes Publikum schließen: RTL setzt offenbar auf ein junges Publikum, dem die Musik der 70er Jahre sowieso nichts mehr sagt und deshalb diese auch nicht mehr lange erträgt. Der schnelle Schnitt der Sendung ähnelt aber den zwischendurch eingeblendeten Werbeblöcken so sehr, dass kein Unterschied mehr zwischen Werbung und Sendebeitrag erkennbar wird. Beides geht nahtlos ineinander über - leider wird diese Form allzu oft angewandt und das private Fernsehen wird damit immer mehr zur Verkaufsschau. Man soll sich nur nichts vormachen: Dazu wurde es ja gegründet !
Meine Schlussfolgerung: Wegzappen !