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15. Januar 2010

Inge Jens in der Stadtbücherei Weimar

Die im November 1998 als Kulturstadtobjekt nach grundlegendem Umbau und Sanierung wiedereröffnete Stadtbücherei Weimar verfügt mit dem historischen Gewölbekeller über einen eigenen und bestens geeigneten Vortragsraum, der für kleine Formen von Musik und Literatur, aber auch für Ausstellungen geradezu prädestiniert ist. Z. Zt. werden Gemälde und Zeichnungen des Weimarer Malers Otto Paetz gezeigt und gestern (14. Januar 2010) las Inge Jens aus ihrem Buch "Unvollständige Erinnerungen". Der kleine Kellerraum war übervoll - überwiegend und naturgemäß Frauen (und zwar wenige junge!). Die Buchhandlung Thelemann war mit Büchern der promovierten Germanistin vertreten; damit bestand die Gelegenheit zur Signierung.

Ich habe Inge Jens´Erinnerungen (keine Autobiographie, wie sie nicht müde wird, zu betonen) im Dezember 2009 gelesen und und mich daraufhin erstmalig ausgiebiger mit der Geschichte der Familie Mann beschäftigt - vor allem mit der gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller und Gelehrten Walter Jens geschriebenen Biographie von Katja Mann ("Frau Thomas Mann"). Dabei folgte selbstverständlich Interesse für die Pringsheims und die Kinder Thomas Manns, insbesondere Golo, Klaus und Erika Mann. Folgerichtig passte die gestrige Lesung als Abschluss dieses Lektüreprogramms mit dem persönlichen Kennenlernen der inzwischen 83jährigen Frau. Aus Zeitgründen wählte sie nur drei Episoden aus ihrem bei Rowohlt verlegten Buch aus - Kindheit im Bombenkrieg in Hamburg, Kontakte und Reisen in die ehemalige DDR und Zeilen des Schmerzes und der Trauer über die Demenz ihres Mannes Walter Jens. Das berührte uns besonders, leidet doch mein Schwiegervater inzwischen an der gleichen Krankheit; so können wir die Worte der Schriftstellerin nachvollziehen.


Übrigens erhielt Inge Jens von den Nachkommen die Zustimmung zur Bearbeitung des Nachlasses von Mitgliedern der "Weißen Rose"; die Briefausgabe habe ich antiquarisch aufgetrieben und unserer Tochter Chr. zu Weihnachten geschenkt.

Literatur:

Inge Jens Unvollständige Erinnerungen
Rowohlt Reinbeck bei Hamburg 2009

Inge Jens Hans Scholl Sophie Scholl Briefe und Aufzeichnungen
S. Fischer Frankfurt 1984

Inge und Walter Jens Frau Thomas Mann - Das Leben der Katharina Pringsheim
Rowohlt Taschnbuch rororo 23664

Im Radio:
"Unvollständige Erinnerungen" von Inge Jens
MDR FIGARO Lese-Café Leipzig Haus des Buches, Sendung am 17. Januar 2010, 15.00 Uhr.

Übrigens: auch die Bilder von Otto Paetz sind sehenswert!

5. Dezember 2009

Eine Jugendbücherei voller Abenteuer

Im Jahr 2006 wurde in Weimar der Knabe Verlag wiedergegründet, ein Verlag, der durch seine Reihe "Knabes Jugendbücherei" mit seinen bunt illustrierten Büchern in der DDR jedem Kind bekannt war und 1984 nach dem Tod des Verlegers Wolfgang Knabe aufgelöst und an den Postreiter-Verlag Halle übergeleitet wurde. Das Stadtmuseum Weimar zeigt in einer Sonderausstellung vom 28. November 2009 bis 14. Februar 2010 eine umfassende Werkschau und Materialien zur Geschichte des Verlages, der ohne Zweifel zur Weimarer Stadtgeschichte gehört. Ein Begleitbuch von Jens Kirsten "Wurzelprinzessinnen, Detektive und eine Jugendbücherei voller Abenteuer - Die Geschichte des Gebrüder Knabe Verlages" schildert die Verlagsgeschichte, soweit sie heute noch rekonstruierbar ist (das Verlagsarchiv ist nach dem Übergang des Verlages an den Postreiter-Verlag Halle verschollen) sowie eine umfangreiche Bibliografie aller Kinder- und Jugendbücher nach 1945. Die Ausstellung wurde durch den Thüringer Literaturrat in Kooperation mit der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., dem Stadtmuseum Weimar und der Herzogin Anna Amalia Bibliothek erarbeitet. Letztere hat ihren Bestand der Buchreihe inzwischen weitgehend vervollständigt.

Gegründet wurde der Verlag 1932 als Weimarer Druck- und Verlagsanstalt Gebr. Knabe KG im Lutherhof Weimar durch Gerhard Knabe (1902 - 1961) und Wolfgang Knabe (1906 - 1983) mit finanzieller und fachlicher Unterstützung des Vaters Karl Friedrich Knabe (1884 - 1965), der bereits 1912 - 1932 beim Weimarer Panses Verlag in der Scherfgasse tätig war (dieser Verlag gab u.a. die "Allgemeine Thüringische Landeszeitung Deutschland" heraus).Nach 1945 konzentrierte sich der Gebrüder Knabe Verlag Weimar ausschließlich auf die Veröffentlichung von Kinder- und Jugendbüchern. Nach der anfänglichen Herausgabe von Kinderbilderbüchern (u.a. ein Buch mit Zeichnungen des Professors an der Staatlichen Hochschule für Baukunst Horst Michel "Das bunte Spielzeugdorf" 1947) schufen die Verleger mit "Knabes Jugendbücherei" ein unverwechselbares Konzept, das den Einfluss- und Kontrollmaßnahmen des DDR-Literaturbetriebes widerstand und eine Überlebensstrategie als privater Verlag bot. Zwischen 1945 und 1984 erschienen 256 Titel mit zahlreichen Nachauflagen von über 100 Autoren. Zu ihnen gehörten Herta Fischer, Inge Müller, Walter Conrad, Hanns Krause, Hans-Günter Krack, Martin Selber, Wolfgang Held und Rudolf Weiß. Künstler wie Walter Klemm, Fritz Lattke, Engelbert Schoner, Horst Hausotte und Hans Wiegand illustrierten Bücher und gestalteten die für die Reihe so charakteristischen Einbände. Besonders haben es mir die in der Ausstellung gezeigten Originalzeichnungen dieser Künstler angetan.

Mit der Neugründung des Verlages 2006 durch Steffen und Tim Knabe, die Enkel der vormaligen Verleger, wird eine Tradition fortgesetzt und man kann hier nur verlegerischen Erfolg wünschen.

In meiner Bibliothek findet sich ein Sonderdruck als Faksimile-Ausgabe der Weimarer Druck- und Verlagsanstalt Gebr. Knabe KG Weimar von 1941 "Theophrastus Paracelsus - PROGNOSTICATION AUFF XXIIII JAR ZUKÜNFTIG", herausgegeben vom Bibliothekar Eduard Strübing (der im Dezember 1945 wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurde) in einer einmaligen Auflage von 750 gezählten Stücken. Mein Exemplar trägt die Nummer 15 und hat im Frontispiz eine handschriftliche Widmung des Herausgebers für den "Bibliotheksdirektor Paul Ortlepp" vom 16.5.1945, der jedoch wegen seines frühen Todes dieses Amt nur wenige Monate ausüben konnte.

Ausstellung Stadtmuseum Weimar
28. November 2009 bis 14. Februar 2010
Karl-Liebknecht-Str. 5 - 9
99423 Weimar

16. November 2009

Heute hat Oscar Wilde Geburtstag

Der 16. November ist der Geburtstag Oscar Wilde´s, der 1854 als zweites Kind von William und Jane Wilde unter dem Namen Oscar Fingal O´Flahertie Wills Wilde in Dublin geboren wurde. Bereits der Zwanzigjährige verkündete, er wolle Dichter werden und noch dazu berühmt. "Und wenn schon nicht berühmt, dann zumindest berüchtigt." Und er wurde beides.

In meiner Bibliothek findet sich die Biografie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Richard Ellmann (1918 - 1987). Berühmt wurde dieser durch seine James-Joyce-Biografie (1959) und seine Arbeiten über William Butler Yeats. Eine meiner größten antiquarischen Erwerbungen war eine Ausgabe der "Salome" mit den 16 Zeichnungen von Aubray Beardsley (Deutsch von Curt Moreck) - eine Ausgabe des Verlags Heinrich Böhme Hannover 1919, gedruckt in der Offizin der Mandruck-
Gesellschaft zu München. Eine verkleinerte Ausgabe brachte der Insel-Verlag Frankfurt 1919 als Insel-Bücherei Nr. 247 heraus (Übertragung von Hedwig Lachmann).

8. November 2009

Comic "Pünktchen und Anton"

Der Künstler Walter Trier (1890 - 1951) hat alle zwölf Kinder-Romane von Erich Kästner illustriert. Seine Titelbilder wie der bekannte Titel von "Emil und die Detektive" erscheinen bereits seit 80 Jahren unverändert und sind allbekannt. Er inspiriert Künstler bis heute - zum Beispiel Isabel Kreitz. Sie hat bereits Kästners Roman "Der 35. Mai" als Comic in der Art von Walter Trier illustriert, wofür sie 2008 mit dem "Max- und Moritz"-Preis ausgezeichnet wurde. Mit "Pünktchen und Anton" ist ihr nun ein weiterer Kästner-Comic gelungen - dabei das Berlin der 20er Jahre als Hintergrund. Nach ihrer Aussage waren dafür eigene Impressionen bei Berlin-Besuchen und historische Fotos die Grundlage. "Hintergründe und Schauplätze beschäftigen mich bei der Umsetzung eines Comics mindestens so sehr wie die Charaktere."
Das bestätigt einen gewissen seit Jahren wachsenden Trend, Berlin als immer populärere Kulisse für gezeichnete Geschichten zu wählen. Das hängt wohl mit den Spuren der Geschichte in Berlin zusammen, die einen interessanten Hintergrund bieten. Der amerikanische Zeichner Jason Lutes hat Berlin "als einen Schlüssel zum Verständnis des 20. Jahrhunderts" bezeichnet.

Das neue Comic-Buch von Isabel Kreitz liegt nun vor mir - ein Geschenk meiner Tochter S., die mein Interesse für Comics kennt und zeitweise fördert.

11. Oktober 2009

Ausstellung Amsterdam: Briefe van Gogh`s

Das Van Gogh Museum Amsterdam (Herausgeber Leo Jansen, Hans Luijten und Nienke Bakker) gibt eine Edition sämtlicher Briefe Van Gogh`s heraus - 819 Briefe von Van Gogh und 83 an Van Gogh - u.a. von Paul Gauguin, dem Bruder Theo Van Gogh und Paul Signac. Illustriert werden die 6 Bände mit 4300 Illustrationen von Werken Van Gogh`s bzw. in den Briefen erwähnten Werken anderer Künstler. Zum Preis von 395,- € (ab 4. Januar 2010 325,- €) wird diese Edition angeboten.

Gleichzeit eröffnete am 09. Oktober 2009 bis 03. Januar 2010 eine Ausstellung dazu, in der über 100 ausgewählte Originalbriefe und die dazugehörigen Werke Van Gogh`s gezeigt werden. Besondere Bedeutung erhält diese Korrespondenz durch ihre literarische Qualität. Van Gogh war "Maler und Schriftsteller" zugleich. In seinen Briefen schreibt er dem Bruder, als spräche er zu ihm, in fortlaufendem Plauderton, häufig sogar, ohne Satzzeichen zu setzen.

Die erste umfassende Ausgabe der Briefe Vincent van Goghs an seinen Bruder Theo erschien 1914/15 in Amsterdam, herausgegeben von Theo´s Frau Johanna van Gogh-Bonger. Die deutsche Übertragung erschien 1928 bei Paul Cassiri in Berlin, teilweise mit Irrtümern und sinnentstellenden Fehlübersetzungen. Zwischen 1952 und 1954 erschien eine neue, philologische Genauigkeit anstrebende Originalausgabe in der Wereldbibliothek (Amsterdam-Antwerpen).

In meiner Bibliothek findet sich eine wunderschöne Ausgabe des Henschelverlages Berlin von 1961, die auf der sorgfältig überarbeiteten Ausgabe der Wereldbibliothek fusst: "Als Mensch unter Menschen - Vincent van Gogh in seinen Briefen an den Bruder Theo" (3. Auflage 1961, 2 Bände in Kassette). Bei dieser Auswahl ist versucht worden, aus dem Briefekomplex einen Kern herauszuschälen, der den Menschen und Künstler in seiner bleibenden geschichtlichen Bedeutung zeigt. Dabei wurde auf die Briefform verzichtet; es ist eher ein Tagebuch geworden, was die Lesbarkeit natürlich wesentlich erhöht und Wiederholungen ausschliesst. Die Bände sind sehr aufwendig edidiert, alle Abbildungen sind gesondert gedruckt und eingeklebt, allerdings leidet das Papier unter der DDR-üblichen schlechten Qualität. Dafür kostete diese Ausgabe damals 21,50 Mark der DDR! Bü
cher waren in der DDR gestützt und deshalb billig, allerdings aufgrund der oftmals geringen Auflagen eben schwer erreichbar. Wem die Amsterdamer Neuausgabe zu teuer ist, sollte im Antiquriat nach der vorgenannten Ausgabe suchen. Hier ist sie:

22. Oktober 2007

Großherzogliche Bibliothek, Landesbibliothek, Zentralbibliothek der Deutschen Klassik,Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Foto: Peter Rost

In diesen Tagen wird in allen Medien über die Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek in Weimar nach Brand und Sanierung berichtet; die Fernsehübertragungswagen sind aufgefahren und auf der Wiese vor Schloss und Bibliothek wartet ein großes Zelt auf die Ehrengäste.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, an einen Mann zu erinnern, dessen Leben unmittelbar mit dieser Bibliothek aufs Engste verflochten ist, der aber dennoch in der Geschichte des Hauses nur am Rande erwähnt wird, obwohl er sein ganzes berufliches Leben zwischen den Büchern und Bildern der Bibliothek verbrachte:

(Foto: Archiv Rost)

Am 1. Dezember 1905 trat Dr. Paul Ortlepp nach Beendigung seiner Studienzeit bei der damaligen Großherzoglichen Bibliothek als Volontär ein. Er hatte Kunstgeschichte, Philologie und Philosophie in Jena, Heidelberg und Berlin studiert und promovierte 1906 in Jena mit einer Arbeit über Sir Joshua Reynolds zur Geschichte der Ästhetik des 18. Jahrhunderts. 1907 wurde er zum Bibliothekar ernannt und wirkte unter den Direktoren Paul v. Bojanowski und Werner Deetjen. Bedeutsame Leistungen waren 1911 der Katalog der Kaiserin-Augusta-Ausstellung sowie Arbeiten über Schillers Privatbibliothek und Schiller als Nutzer der Großherzoglichen Bibliothek.


Die Rassenpolitik des III. Reiches machte auch vor Familie Ortlepp nicht halt: In einem Schreiben des Reichsstatthalters in Thüringen an den Thüringer Ministerpräsidenten vom 22. Juni 1937 empfiehlt ein Dr. Oberländer, den Bibliotheksrat Dr. Paul Ortlepp nicht in seiner Stelle zu belassen, "Anlass dazu ist eine ungünstige politische Beurteilung über Ortlepp." Auch Denunziationen von Nachbarn werden erwähnt, die Ehefrau ist Jüdin. Im Zuge des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wird Paul Ortlepp zum 31. Dezember 1937 in den Ruhestand versetzt, da er die Trennung von seiner jüdischen Ehefrau verweigert. 1943 wird Lucy Ortlepp in Auschwitz ermordet.

1945 wurde Dr. Paul Ortlepp rehabilitiert und von Hermann Brill am 12. Mai 1945 zum Direktor der Landesbibliothek ernannt. Seine Pläne zur Entwicklung der Bibliothek konnte er nicht mehr umsetzen; am 24. Juli 1945 starb er frisch operiert an den Folgen der Räumung des Sophien-Krankenhauses durch die Rote Armee. In seinem Beitrag "Die Thüringische Landesbibliothek 1919 - 1968" ("Herzogin Anna Amalia Bibliothek - Kulturgeschichte einer Sammlung" 1999 Stiftung Weimarer Klassik) schildert Roland Bärwinkel, wie Ortlepp das in Kisten und Körben verpackte Hab und Gut einer Jüdin, Susanne Türk, die im Oktober 1933 aus Deutschland fliehen mußte, in der Bibliothek neben der Habe Maria Pawlownas unterbrachte und so über die Nazizeit rettete.

Arbeitsplatz in der Bibliothek (Foto: Archiv Rost)

Wenn am 24. Oktober 2007 die Wiederauferstehung der (nunmehr) "Herzogin Anna Amalia Bibliothek" gefeiert wird, soll dieses Schicksal stellvertetend an die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner kostbaren Bücher erinnern.

Das Wohnhaus der Familie Ortlepp 1927 in Weimar - damals auch ein Stein des Anstosses. Heute wohnen wir darin. Aber das ist bereits eine andere Geschichte. (Foto: Archiv Rost)

13. April 2007

175. Geburtstag Wilhelm Busch


Letztes Selbstbildnis


Übermorgen, am 15. April 2007 wird der 175. Geburtstag von Wilhelm Busch gefeiert. Das Wilhelm-Busch-Museum Hannover widmet dem Zeichner, Maler, Volksdichter und Schöpfer von Bildgeschichten zwei Ausstellungen und die Stadt Hannover feiert das Busch-Jahr 2007, denn bereits am 8. Januar 2008 jährt sich sein Todestag zum 100. Male.

Wer ist nicht mit den Gestalten seiner Bildgeschichten aufgewachsen, mit Max und Moritz, dem wohl volkstümlichsten Brüderpaar. Das Ende so mancher seiner Figuren war schrecklich und weckte oft zwiespältige Empfindungen in mir. Die Bildergeschichten, wie "Hans Huckebein", "Die fromme Helene" oder "Fips der Affe" machten nicht nur Busch´s Verleger Kaspar Braun reich, sondern auch Busch selbst zum wohlhabenden Mann.
Neben seinem zeichnerischen Werk schuf Busch mehr als 1000 Ölbilder von teilweise hoher Qualität, die aber, von ihm zurückgehalten, erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

Kritik des Herzens

Ach, ich fühl es! Keine Tugend
Ist so recht nach meinem Sinn;
Stets befind ich mich am wohlsten,
Wenn ich damit fertig bin.

Dahingehend so ein Laster,
Ja, das macht mir viel Pläsier;
Und ich hab die hübschen Sachen
Lieber vor als hinter mir.

Wilhelm Busch

5. April 2007

Collagen von Wolfgang Hildesheimer

Wolfgang Hildesheimer
Wo wir uns wohlfühlen
Mitteilungen aus Italien und Poschiavo
Ausgewählt von Dietmar Pleyer
Insel-Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2006
Insel-Bücherei Nr. 1284

Für Italien hat Wolfgang Hildesheimer immer wieder Worte der Faszination, ja der Liebe gefunden. Hildesheimer lebte von 1957 bis zu seinem Tode 1991 in Poschiavo, einem Graubündner Städtchen nahe der italienischen Grenze. "Hier ist ein guter Boden für Hildesheimers Schreiben und Malen, aber auch für den Genuss des Lebens: der Begegnung mit den Menschen, ihrer Landschaft und ... ihrer Küche."

Der Herausgeber Dietmar Pleyer hat Textstellen aus Notaten, Schriften, Gesprächen und vielen unveröffentlichten Briefen ausgewählt sowie bislang unpublizierte Bilder und lässt damit "eine geradezu horazische Idylle erstehen." Der kleine Band ist illustriert u.a. mit Zeichnungen und Collagen aus dem Privatbesitz von Silvia Hildesheimer, die noch immer in der Casa Gay (Via dal Convent 58) lebt. Wenig entfernt liegt das "Vecchio Monastero". Dieses Kloster ist heute ein Kulturzentrum mit einer Dauerausstellung der Collagen Hildesheimers. Aus rechtlichen Gründen (Copyright) zeige ich keine Abbildungen. Ich habe bis heute noch keine Monografie über Hildesheimers Werke, insbesondere die Collagen, gefunden.
Dieses kleine Inselbändchen ist wieder ein Meisterwerk, mit Vorbemerkung, in Text- und Bildauswahl stimmig, für so ein schmales Büchlein ausführliche Anmerkungen, Text- und Bildnachweise...
Satz und Schrift Sabon; das Bezugspapier zeigt ein Motiv aus einer Collage Hildesheimers "Flaschen" (1981 - 1986). Es stört einzig der Preis, wie immer bei den neuen Insel-Büchern. Sicher kann man solche Bücher in der heutigen aufwendigen Ausstattung mit teuren Papieren (holzfrei, alterungsbeständig, mattgestrichenes Papier der Fa. Geese, Hamburg) nicht mehr zum Ursprungspreis von 1,25 M herstellen. Aber Sinn und Zweck der Inselbücherei werden mehr und mehr infrage gestellt, je kostbarer die Ausstattung wird. Als langjähriger Sammler und Freund der Insel-Bücherei bedaure ich dies sehr. Natürlich altern meine alten Vorkriegs- und DDR-Ausgaben langsam, aber das tun andere Bücher und ich selbst auch.

Buchtipp

Da steht ein Lateinlehrer mitten in der Unterrichtsstunde auf und verlässt Klasse, Schule und sein geordnetes Leben, setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon und macht sich dort auf die abenteuerliche Suche nach dem Autor eines Buches, dessen Inhalt ihn fesselt und nicht mehr loslässt. Auf den Spuren dieses faszinierenden Menschen entdeckt er Wahrheiten über "das Leben, die Liebe, Einsamkeit, Endlichkeit, Freundschaft und Tod."
Der Lehrer mit dem altmodisch klingenden Namen Raimund Gregorius ist ein wandelndes Philologen-Lexikon, "da er neben jeder lateinischen und griechischen Textstelle auch jede hebräische im Kopf hatte..." In Windeseile lernt er Portugiesisch, Schritt für Schritt entziffert er die Ausführungen des Amadeo de Prado und geht dessen Lebensspuren nach. Die wie im Kriminalroman angelegte Suche, überraschende Handlungsorte und unerwartete Begegnungen machen die Lektüre so spannend - das fesselt den Leser und macht das Lesevergnügen vollständig.

Pascal Mercier, 1944 in Bern geboren, ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.

Zitat:
"Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese nur zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben..."
und weiter:
"Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?"

Und auf der letzten Seite:
"Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben."

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon
btb Verlag München 2006