Gegenwärtig wird ein wohl mittelmäßiger Film über Albert Schweitzer und sein Urwaldhospital in Lambaréné in den Kinos gestartet; allein drei Biografien über ihn erscheinen. Was hat er mit der so grandios gescheiterten Klimakonferenz in Kopenhagen zu tun?
Man sollte sich an seine Thesen erinnern: Ein kleines Büchlein des Union Verlag Berlin 1974 (7. Auflage) liegt vor mir: Albert Schweitzer, "Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben". Dieses Buch entstand auf Grund eines Vorschlages von Gerald Götting bei seinem Besuch im August 1961 in Lambaréné.
Ein Vortrag in der französischen Akademie der Wissenschaften am 20. Oktober 1952 beginnt so:
"Das, was wir nach einem dem Griechischen entlehnten Wort Ethik und nach einem dem Lateinischen entnommenen Moral nennen, besteht ganz allgemein in dem rechten menschlichen Verhalten. Nicht nur unser eigenes, sondern auch der anderen Wohl, wie auch das der menschlichen Gesellschaft, hat uns zu beschäftigen."
Aus dem Klappentext:
"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Mit dieser These dringt Schweitzer zu der Idee vor, in der sich Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander vereinen. Der Begriff "Ehrfurcht vor dem Leben", im Denken begründet, wird zum Grundpfeiler, auf dem alle Kultur ruhen soll. Nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist vollständig, denn sie hat es nicht nur mit dem Verhalten des Menschen zu seinem Mitmenschen zu tun, sondern weitet den Kreis der Solidarität auf alle Geschöpfe aus. In dieser von der Liebe gebotenen Gesinnung liegt eine ungeheure Verantwortung des Menschen für die Welt."
Von dieser Verantwortung war wohl nichts zu spüren in Kopenhagen; was sollte man aber auch von Politikern erwarten, die von Interessen geleitet werden? Hätten sie mal alle dieses kleine Büchlein in der Tasche gehabt und ab und zu ihre Handlungs- und Entscheidungs- anleitung daraus bezogen, es wäre wohl anders gekommen.
David Suzuki, 73, Genetiker, Buchautor, TV-Moderator und Kanadas berühmtester Umweltaktivist, erhielt an diesem Freitag in Stockholm den Alternativen Nobelpreis. In einem von D.Esslinger übersetzten kurzen, aber sehr lesenswerten Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 04. Dezember 2009 hat er seine Thesen zusammengefasst:
David Suzuki:
Die Grenzen des Menschen
Er zieht Zäune um sein Eigentum und glaubt, die Gesetze der Ökonomie seien mindestens so wichtig wie die der Ökologie
(zum Artikel auf die Überschrift klicken)
In den Post´s zur Stadtentwicklung (Hamburg, Berlin) habe ich auf ein neues Potential für Immobilienstandorte aufmerksam gemacht: die Umwandlung ehemaliger Problemquartiere in lebenswerte Stadtviertel durch die Ansiedlung von Künstlern und anderen kreativen Bewohnern ("Dekokirschen"). Das soll nun auch im Ruhrgebiet im Zusammenhang mit Iniativen zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010 die Grundlage für eine Wertsteigerung der Immobilien nach dem Kulturhauptstadtjahr schaffen und durch den Zuzug kreativer Unternehmen eine neue Perspektive eröffnen.
Hans-Ludwig Brauser, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung der Metropole Ruhr: "Die Kreativwirtschaft ist eine Wachstumsbranche, das wird von vielen Menschen noch immer unterschätzt."
Nur sollten sich alle im klaren sein, vor allem die kreativen Partner, dass es sich immer um eine temporäre Nutzung handelt bis zur rentablen Endnutzung, die dann von der Kreativbranche nicht mehr finanziert werden kann. Den Nutzen hat langfristig der Immobilieneigentümer, der hohe Anfangsinvestitionen für die Vermietung spart und die Verwahrlosung von Leerstandsobjekten verhindert. Zynisch klingt dabei das Wort vom "Endzeitcharme" leerstehender ehemaliger Industrieobjekte, von dem die Kreativen ja so angezogen werden.
Was bleibt, sind die späteren vergreisten Wohngebiete mit zahlungskräftigen Pensionären, während sich die Kreativen längst andere billigere Stadtviertel suchen mussten.
Am 10. November 2009 habe ich anläßlich 20 Jahre Mauerfall zu vergangenen bzw. bestehenden Mauern in der Welt geschrieben. Passend dazu möchte ich auf einen opulenten Text- und Bildband aufmerksam machen:
"Mauern als Grenzen"
Herausgegeben von Astrid Nunn
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2009
216 Seiten, 83 Abb.
Gebunden 29,90 €.
Die in Würzburg lebende Altertumsforscherin Astrid Nunn und weitere Experten des Fachs erzählen die Geschichte von Grenzmauern - von der Amurriter-Mauer im Zweistromland (2032 vor Christus) bis zu den heutigen Mauern - Bagdads Sicherheitszone, die Grenze der von Marokko beanspruchten Sahara oder der Grenzmauer zwischen Israel und Palästina, die Chinesische Mauer, die Berliner Mauer, den Hadrian-Wall und den Limes. Beruhigend: Alle diese Mauern der Vergangenheit wurden irgendwann überwunden; für die noch bestehenden wünschen wir uns genau dies.
Eine ähnliche Problematik wie in Hamburg beschreibt Niklas Maak in der FAZ vom 18. November 2009 unter dem Titel "Fort mit dem weißen Karton". Es geht um den letzten zentralen Bauplatz in Berlin am Humboldthafen, den Wowereit mit einer neuen Kunsthalle bebauen möchte, nachdem "Alexanderplatz und Potsdamer Platz mit Shoppingmalls und Kinos zugepflastert wurden, am Pariser Platz die schweigsamen Fassaden von Banken und Botschaften dominieren, am Platz der Republik Abgeordnetenbüros und Hundehaufen."
Hier einige wörtliche Ausschnitte:
"Wo zu viel offensichtlicher Kapitalismus herrscht, wird nach Kunst gerufen. So auch hier..."
"...Die eigentliche Frage lautet: Warum schon wieder eine Kunsthalle? Warum baut man wieder den gleichen öden weißen Karton? Könnte man Kunst nicht ganz anders zeigen?..."
"...Es ist in Mode gekommen, Kunsträume als wertsteigernde Dekokirsche auf kommerzielle Immobilienprojekte zu setzen; der Künstler soll dem Quartier das Aroma urbaner Widerständigkeit geben und so der Sterilität entgegenwirken, die das Projekt erst in die Stadt bringt. Es ist verständlich, dass die Künstler da streiken; dass sie sich nicht zu den Würstchen machen lassen, zu denen Wilhelm Brandt, Pressesprecher des Immobilienentwicklers VIVICO, sie erklärt, wenn er Kunst im "Tagesspiegel" als Köder bezeichnet, um wichtige Menschen in die Stadt zu locken: "Das ist wie bei einer Wursttheke: Je größer die Auswahl, desto besser...."
"...Der Humboldthafen ist Berlins letzter Platz, an dem Architekten und Stadtplaner zeigen könnten, wie der öffentliche Raum des einundzwanzigsten Jahrhunderts aussehen und welche Rolle Kultur dabei spielen soll..."
Vielleicht sollte man in der Begriffsgeschichte auf die hellenistische Antike zurückgehen, die das Wort Museum nicht nur auf ein Haus bezog, sondern damit einen ganzen Stadtteil bezeichnete, eine "poröse, auch sozial durchlässige Struktur, eine aus offenen Räumen zusammengewachsene Kulturlandschaft, in der Künste - auch Tanz, Theater, Musik - anders aufführbar wären?..."
Die Skatstadt Altenburg macht von sich reden. Die Städtische Wohnungsgesellschaft Altenburg (SWG) plant mit Unterstützung des OB Michael Wolf (SPD) ein denkmalgeschütztes, bisher aber unsaniertes Gebäude am Marktplatz zugunsten eines Neubaus mit Wohnungen und Einkaufsmarkt abzureißen. So will sie einen "städtebaulichen Mißstand" beseitigen. Jedoch regt sich Widerstand durch Stadtratsmitglieder von CDU und Linkspartei und auch der Bürgerschaft gegen das Projekt, da "im thüringischen Altenburg einem der schönsten Marktplätze Deutschlands die Verstümmelung droht" (FAZ). Angeblich sei die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes wirtschaftlich nicht zumutbar, die SWG will sogar für ihren Neubau keine "architektenpreisverdächtige Neubebauung".
Wolfgang Hirsch hat dazu in der TLZ vom 19.11.09 einen bissigen Kommentar veröffentlicht:
"Die Crux mit dem Denkmalschutz". Er weist auf die im Osten Deutschlands in so großer Vielzahl erhaltenen Innenstädte hin, die mangels Kriegsschäden und Geld- sowie Kapazitätsmangel während der DDR-Zeit auf uns überkommen sind und von Politikern und Wirtschaftsvertretern oft als Altlasten angesehen werden.
Wörtlich: " So haben leider viele hiesige Stadtkerne ihr gewachsenes Antlitz bewahrt und stehen dafür in den großen Reiseführern. Zumal Westdeutsche, die von Hause ja häufig durch gesichtslose Innenstädte und uniform gestaltete Einkaufspassagen verwöhnt sind, fahren gerne gen Osten - etwa um die "Deutsche Renaissance" in Altenburg zu bewundern.Trotzdem sind wir das Geschwiemel ums historische Erbe jetzt leid! Und Besucher, die womöglich im Urlaub noch Geld ausgeben, braucht eine sterbende Stadt wie Altenburg schon gar nicht. So ist es hoch an der Zeit, den Marktplatz ein für allemal zu ruinieren. Der unheiligen Allianz von Stadtspitze und Wohnungsgesellschaft ist das - Gott sei Dank - zuzutrauen."
Nun kann man nur hoffen, dass der Widerstand der Bürger und hartnäckiger Stadträte der Stadtspitze in der heutigen Ratssitzung einen Strich durch Rechnung machen. Wie sich doch die Bilder gleichen! (siehe Speyer).
Die "Süddeutsche Zeitung" vom 13. November 2009 vermeldet, dass sich die Stadt Hamburg mit dem niederländischen Investor "HANZEVAST" auf den Rückkauf des von Künstlern bestzten Gängeviertel geeinigt hat. Für eine Summe von zwei Millionen Euro ist der Investor bereit, diese von mehr als 200 Hamburger Künstlern seit Ende August besetzten leerstehenden Häuser im Gängeviertel wieder der Stadt zu übertragen. Ca. 150 Hamburger Architekten hatten zuvor an die Stadt und die Öffentlichkeit appelliert, "das Gängeviertel für die Künstler unter Einbeziehung ihres Nutzungskonzeptes dauerhaft zu sichern."
Die Reste des Neustädter Gängeviertels bilden mit ihren Höfen und engen Gassen ein Ensemble aus drei Jahrhunderten Baukultur. Mit dem Protest sollten die denkmalwürdigen Gebäude gerettet werden. Siehe meinen Post vom 8. November 2009.
Passend zu den Informationen zur Stadtentwicklung und -gestaltung veröffentlicht "Die Zeit" Nr. 46 vom 5. November 2009 das Manifest "Not in our name, Marke Hamburg" leicht gekürzt, in dem Künstler gegen die unsoziale Politik vieler Städte protestieren, die Kultur nur noch als Lockmittel für Investoren begreifen. Zu den vielen Hundert Unterzeichnern gehören Musiker, Autoren und Maler.
Hier nur einige Auszüge, die das Anliegen und die Problematik verdeutlichen:
"Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur Städte prosperieren, in denen sich die "Kreative Klasse`" wohlfühlt... Viele europäische Metropolen konkurrieren heute darum, zum Ansiedlungsgebiet für diese "kreative Klasse" zu werden.
Für Hamburg hat die Konkurrenz der Standorte mittlerweile dazu geführt, dass sich die städtische Politik immer mehr einer "Image-City" unterordnet. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von Stadt in die Welt zu setzen: das Bild von der "pulsierenden Metropole", die "ein anregendes Umfeld und beste Chancen für Kulturschaffende aller Couleur" bietet. Eine stadteigene Marketing-Agentur sorgt dafür, dass dieses Bild als "Marke Hamburg" in die Medien eingespeist wird. Sie überschwemmt die Republik mit Broschüren, in denen aus Hamburg ein widerspruchsfreies, sozial befriedetes Fantasialand mit Elbphilharmonie und Tabledance, Blankenese und Schanze, Agenturleben und Künstlerszene wird. Harley-Days auf dem Kiez, Gay-Paraden in St. Georg, Off-Kunst-Spektakel in der Hafencity, Reeperbahn-Festival, Fanmeilen und Cruising Days: Kaum eine Woche vergeht ohne ein touristisches Megaevent, das "markenstärkende Funktion" überehmen soll.
... Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing-Kategorien zu sprechen. ... Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als "bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil" zu "positionieren", noch denken wir bei Hamburg an "Wasser, Weltoffenheit, Internationalität" oder was Euch sonst noch an "Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg" einfällt....
... Wir haben schon verstanden: Wir, die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die Kleine-geile-Läden-Betreiber und Ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer sollen der Kontrapunkt sein zur "Stadt der Tiefgaragen". Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist. Wir sind willkommen. Einerseites. Andererseites hat die totale Inwertsetzung des städtischen Raumes zur Folge, dass wir - die wir doch Lockvögel sein sollen - in Scharen abwandern, weil es hier immer weniger bezahlbaren und bespielbaren Platz gibt.
... Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.
Ein zweitägiges Symposium mit ca. 80 Architekten, Historikern, Ingenieuren, Stadtplanern und Kommunalpolitikern fand Ende Oktober 2009 in Bad Langensalza statt, organisiert vom Europäischen Informations-Zentrum in der Thüringer Staatskanzlei. Unter dem Motto "90 Jahre Bauhaus - neue Herausforderungen durch die Europäische Energiepolitik" wurden die Erfordernisse des energieeffizienten und ökologischen Bauens und Sanierens in der Stadtgestaltung und an Beispielen historischer Altstadtkerne diskutiert. Bad Langensalza ist ein Beispiel gelungener Altstadtsanierung bei Einbeziehung des modernen Bauens. Wesentlichen Antel am Erfolg trägt dabei der Bürgermeister Bernhard Schönau, der (seit 1994 im Amt) die Stadtentwicklung mit bestimmt.
Nun kann man Städte wie Bad Langensalza und Speyer sicher nicht ohne weiteres miteinander vergleichen; aber den Einfluss von Bürgermeistern auf die Entwicklung ihrer Städte sehr wohl. Nach einem in der FAZ vom 28.Oktober 2009 veröffentlichtem Artikel hat der 2010 scheidende Oberbürgermeister Speyers, Werner Schineller, als Abschiedsgeschenk die Rheinpromenade der Stadt als Filetstück von 12 Hektar an drei Investoren verkauft - die Projektgesellschaft der LBBW Stuttgart Rhein-Neckar Wohnwerte, R & N Kurpfalz Immobilien Speyer und die Steber Wohnbau GmbH Speyer, welche dieses Gelände mit einer "exclusiven" Wohnbebauung vermarkten; Teile davon stehen bereits und verdecken mit ihrer nichtssagenden und banalen Architektur den Blick auf den Dom, der seit 1981 zum UNESCO-Welt-Kulturerbe zählt. Sogar ein ausgewiesenes Landschaftsschutzgebiet hat der städtische Bau- und Planungsausschuss - einer der Investoren ist dessen Mitglied - außer Kraft gestzt, um die Bebauung eines 37.000 m² großen Geländes vierhundert Meter längs des Rheins mit sechsgeschossigen Punkthäusern als "Neue Heimat für Manager und Rentner" zu ermöglichen.
Foto: Archiv Striffler aus FAZ
Soweit über den unheilvollen Einfluss von Bürgermeistern/Oberbürgermeistern auf die Stadtentwicklung, wenn wirtschaftliche Interessen dominieren und kein bürgerschaftliches Gegengewicht besteht. Wir benötigen echte Bürgerlichkeit, die es mit der Dummheit und Unverfrorenheit der Macht aufnimmt.
In meinem Blogeintrag vom 08. Oktober 2009 habe ich über den Termin 06. Oktober für die Neugründung der ATTAC-Gruppe Weimar im ACC geschrieben. Offensichtlich ist diese Neugründung jetzt offiziell erfolgt: Heute meldet die TLZ die erfolgreiche Neugründung mit 15 Engagierten aller Altersklassen.
Die TLZ schreibt:
"Man wolle zurückfinden zu einem`faszinierenden`Gruppenleben und hofft, sich mit alternativen Ideen und Vorschlägen in die öffentliche Diskussion einbringen zu können."
Die Mitglieder der ATTAC-Gruppe rufen auf:
"Lasst den positiven Anfangsschwung nicht verpuffen, dann können wir das politische Weimar mitgestalten und weit darüber hinaus etwas verbessern!".
Dazu wünsche ich Erfolg und Stehvermögen.
Kontakt: attac-jena-weimar@web.de
Am 6. Oktober 2009 trafen sich im Weimarer ACC 15 Interessierte zur Neugründung einer Attac-Gruppe Weimar. Initiatoren des Neuanfangs sind u.a. Kulturamtsreferentin Angela Egli und die Erziehungs-wissenschaftlerin Chris Brückner. Zu den ca. 150 passiven Sympathisanten soll der Kontakt wiederhergestellt werden.
Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit sollen u.a. die Auseinandersetzung mit PPP-Modellen und die "Aufdeckung lokaler Lobbyisten-Netzwerke" sein. Dazu ein Hinweis:
Zum Thema Lobbyismus hat der gemeinnützige Verein "LobbyControl - Initiative für Transparenz und Demokratie" einen informativen Reiseführer durch den Lobbydschungel Berlins herausgebracht. Bezug über LobbyControl e.V., Friedrichstr. 63, 50676 Köln. Preis: 7,50 €.
Internet: www.lobbycontrol.de
"Er war ein gut aussehender Junge mit einem schönen Lächeln und Hasenzähnen." So beschreibt Mustafa Wasiri, Direktor der ägyptischen Ausgrabungsstätte Tal der Könige den Leichnam des Pharao Tutanchamun, der in seinem Grab seit Anfang November nun der Schaulust des Touristenpublikums ausgesetzt wird. In einer klimatisierten Glashülle soll die Mumie des Pharao vor Zerfall und Zerstörung geschützt werden.
Aber warum muß die Hülle durchsichtig sein? Doch offensichtlich nur, um mehr Touristen anzulocken und deren Sensationsgier zu befriedigen. Kristina Bergmann schreibt im Feuilleton der "Neuen Züricher Zeitung", "dass die Ausstellung der Mumie an billige Sensationslust, an abstoßende Enthüllung, ja an Leichenschändung grenzt." Dabei hatte der Totenkult der alten Ägypter genau dies nicht zum Anliegen; die Toten sollten "sicher und gut begleitet in die andere Welt fahren" und nicht zu einer willkommenen Geldquelle für die Nachkommen werden. Spiegel-online: "Das in den Jahrtausenden schwarz gewordene Gesicht soll Touristen in das Tal der Könige im ägyptischen Luxor locken."
Noch ein anderer Aspekt beschäftigt mich, wenn ich die Bilder des toten Pharao sehe: Immer öfter und mit großer Intensität werden unsere Mythen und Geheimnisse entzaubert und in das Licht der Öffentlichkeit gerissen, aus Sensationslust und Geschäftssinn. Da wird z. B. die Titanic aus ihrem Dauerschlaf auf dem 4000 m tiefen Meeresgrund geweckt und gnadenlos ausgeschlachtet. Für ca. 35.000 € ist es möglich, in einer Kapsel zum Wrack hinab zu tauchen. Ken Marschall´s atemberaubende zeichnerische Darstellungen zeigen auch das nicht Sichtbare auf dem Meeresgrund und machen es zum banalen Bestandteil der medialen Sensationen. Eines der großen Geheimnisse, die Kinder und jung gebliebene Erwachsene so lieben, waren Suche und Entdeckung des Felsengrabes des Pharao Tutanchamun. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mich als Schüler die Schilderungen der Archäologen über die Ausgrabungen fesselten (in der Kreisbibliothek Mühlhausen hatte mein großer Bruder ausgeliehen und mich mit lesen lassen: Howard Carter, Arthur Mace: Tutanchamun. Ein ägyptisches Königsgrab. 3 Bde. Leipzig 1927).
Die drei Bände haben mich mehr gelehrt über das Pharaonenreich als all die heute erhältlichen Prachtbände; sie waren authentisch und zeitnah, bei allem blieben Dunkel und Mysterium erhalten und faszinierte. Heute aber wird alles, auch ein Leichnam, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und takt- und rücksichtsloser Schaulust preisgegeben.
Nameskartusche des Tutanchamun:
links der Thronname: NEB-CHEPERU-RE (Herr der Erscheinungsformen ist Re)
rechts die Namenskartusche: TUT-ANCH-AMUN (Lebendes Abbild des Amun)
Immer wieder gibt es Klagen über unvorsichtiges und nicht regelgerechtes Verhalten der Weimarer (insbesondere studentischen) Radfahrer gegenüber Fußgängern. Offensichtlich ist das keine neue Erscheinung; bereits 1923 schreibt die Landeszeitung:
" Rüpelhaft benahm sich Donnerstagnachmittag in der Windischenstraße ein Radfahrer gegenüber einem ruhig seines Weges gehenden Herrn, den der scheinbar mehr als unsichere Radfahrer beinahe angefahren hatte. Trotzdem der Herr gar keine Notiz von dem Sonntagsradfahrer nahm, ließ dieser eine widerliche Schimpfkanonade los, die bewies, wie roh und ordinär heute manche Menschen sein können. Eigentlich sollten derartig unsichere Radfahrer sofort polizeilich festgestellt werden, denn manchmal stellen sich dabei die sonderbarsten Überraschungen heraus."
Anmerkung:
Diesen Zeitungsausschnitt hat wohl auch unser Innenminister gelesen und daraufhin seinen Vorschlag für "Verdachtsunabhängige Pauschalkontrollen" gemacht. Wie das aussieht, beschreibt Udo Vetter in seinem "law blog" vom 19. Februar 2007:
"Die niedersächsische Polizei sperrte in der Nacht zum Samstag bei Göttingen die komplette A 7 in Fahrtrichtung Hannover. Sechs Stunden lang wurden alle Autofahrer auf die Raststätte Göttingen-Ost umgeleitet und von 120 Polizisten überprüft.... Parallel zur Großkontrolle auf der Rastanlage kontrollierten weitere Funkstreifen die an den Anschluss- stellen Hann-Münden und Dramfeld abfahrenden Verkehrsteilnehmer. Der Vollsperrung zeitlich versetzt vorgelagert war darüber hinaus eine Geschwindigkeitskontrolle.... Die Totalkontrolle war Teil der Aktion "Don´t drug & drive".
Die TLZ vom 26.07.07 hat das Plakat "entschärft".
Die Deutsche Bahn AG lehnte es ab, das Werbeplakat des Stadtmuseums Weimar für die Ausstellung mit den Stereo-Aktfotos von Heinrich Plühr in ihren für Reklamezwecke eingerichteten Schaukästen in der Bahnhofshalle Weimar auszustellen. Begründung: "Verstoß gegen Anstand, Sitte und Moral". Bei der Deutschen Eisenbahnreklame in Kassel wurde der TLZ auf Nachfrage erklärt: "zu sexistisch". Das Plakat zeigt eines der nackten Modelle Plührs - eine Kunstfotografie von 1890. Man sollte es nicht glauben - so eine Auffassung im Jahr 2007!
Zwanzig Meter weiter - im Zeitungsshop der Bahnhofshalle - ist eine ganze Regalwand wie überall in solchen Shops und Kiosken "prall" gefüllt mit den aufreizendsten Darstellungen auf den Titelblättern der einschlägigen Magazine und Hefte - das zeigt die ganze Scheinheiligkeit und Dummdreistigkeit der Verantwortlichen der Bahn: was dem Verkaufserfolg dient, und sei es noch so primitiv und abstoßend, wird toleriert; aber eine künstlerische Darstellung von für heutige Maßstäbe geradezu harmloser Natürlichkeit wäre den Bahnkunden nicht zuzumuten.
Die Ausstellung im Stadtmuseum Weimar zeigt auch überregional Aufmerksamkeit und großes Interesse - glücklicherweise ist das Publikum weitaus aufgeklärter und aufgeschlossener als die verklemmten Bedenkenträger der Deutschen Bahn AG.
Und noch etwas: Man erinnere sich an das "Nein" der Bahn zur Ausstellung über die Kindertransporte in die Konzentrationslager - auch hier sollten die Bahnhofshallen klinisch sauber bleiben. Im Vorfeld des unseligen Börsengangs der Bahn soll möglichst jede nicht ins Bild passende Aufmerksamkeit vermieden werden.
siehe auch: Post vom 19. Juni 2007 "Nackte Musen".
Eine alberne Überschrift, glauben Sie? Sehen Sie doch mal, was die Bundesbank im letzten Monatsbericht zum besten gibt: danach hat jeder von uns ca. 200.000 Euro auf der Kante.
Weiteres auf
Sixty Five.
Am 23. Mai wurde in Weimar vor der Marienstraße 16 ein erster "Stolperstein" zur Erinnerung an den in Theresienstadt an den Folgen von Deportation und NS-Terror gestorbenen Weimarer Cellisten und Musikpädagogen Eduard Rosé gesetzt. Die "Stolpersteine" sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das von diesem 1997 ins Leben gerufen wurde. Ein etwa 10 x 10 x 10 cm großer Quader trägt eine Messingplatte, in die der Schriftzug "Hier wohnte..." und Name und Lebensdaten des jüdischen NS-Opfers eingraviert werden. Diese Platten werden im Gehweg vor den ehemaligen Wohnungen eingepflastert.Auch in Jena und Ilmenau wurden am 22. und 23. Mai solche "Stolpersteine" gesetzt, am 26. Mai folgte Altenburg. In Weimar wurde dazu ein Initiativkreis gegründet, dem das Bürgerbündnis gegen Rechts, die Netzwerkstelle, das Soziokulturelle Zentrum Gerberstraße und Stattreisen angehören.
Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren, nach dem Studium von Kunstpädagogik, Industrial Design und Freier Kunst entwickelte er bereits 1993 den Entwurf für das Kunstprojekt "Stolpersteine". Die erste illegale (später legalisierte) Verlegung eines solchen "Stolpersteins" erfolgte 1997 in Berlin-Kreuzberg. Inzwischen sind 11.500 Steine in 236 Ortschaften in Deutschland, Österreich und Ungarn verlegt worden. 2005 erhielt Gunter Demnig für seine Aktivitäten das Bundesverdienstkreuz.
Verlegung in Weimar am 23. Mai
Foto: TLZWarum ich über diese Aktion in meinem Blog schreibe?
Schon lange tragen wir uns mit dem Gedanken, einen solchen Stolperstein vor unserem Hauseingang setzen zu lassen - zur Erinnerung an die jüdische Malerin Lucy Ortlepp geb. Bock, die hier lebte und 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Seit einigen Jahren recherchiere ich Leben und Werk der in Weimar schon fast vergessenen Künstlerin und arbeite gegenwärtig an den Vorbereitungen für eine Monografie. Um die Erinnerung an diese Frau und ihr Schicksal wachzuhalten, haben wir Christiane Weber für ihre Veröffentlichungen "Villen in Weimar" Unterlagen zur Verfügung gestellt (in Band 2 aufgenommen). Auch für den Band über jüdische Familien in Weimar der Weimarer Schriften sind dem Autor Harry Stein Angaben und Fotos bereitgestellt worden. Auf die Geschichte der Lucy Ortlepp bin ich bei den baugeschichtlichen Untersuchungen unseres Hauses gestoßen.
Voraussichtlich im Mai 2008 startet in Weimar die nächste Aktion des Künstlers - dann werden wir mit dabei sein.
Natürlich lud das herrliche Wanderwetter am Himmelsfahrttag zu einer ausgedehnten Wanderung im Saaletal bei Bad Kösen ein. Mit den Ehepaaren J. und G. zogen wir zu den Saaleburgen Rudelsburg und Saaleck und zu Mittag ins "Himmelreich", einer bekannten Ausflugsgaststätte auf dem gegenüberliegenden Saaleufer hoch oben über dem Fluß. Hier hat man einen schönen Blick auf die Saaleburgen über einem Muschelkalksteilhang und in das Saaletal.
Da Fotos der Burgen in jedem Thüringer Fotoalbum zu finden sind, mal einige nicht so bekannte Motive:
Auf dem Gelände der ehemaligen Vorburg der Rudelsburg wurden Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Denkmäler durch Korpsstudenten errichtet:die Gefallenensäule zu Ehren der im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gefallenen Corpsstudenten (Pfingsten 1872 geweiht) - das erste studentische Denkmal Deutschlands überhaupt,
der Kaiser-Wilhelm-Obelisk (1890),das Jung-Bismarck-Denkmal (1895/96) - Bismarck als Corpsstudent - Einweihung des Nachgusses 2006,
und das Löwendenkmal von dem Berliner Bildhauer Prof. Hermann Hosaes zum Andenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Corpsstudenten (1926).


Alle diese Denkmäler wurden nach der Wiedervereinigung restauriert bzw. neu errichtet.Im Hof der Rudelsburg war natürlich heftiges Biertrinken mit der entsprechenden Geräuschkulisse angesagt, etwas aufgelockert durch junge Tänzerinnen, die unter entsprechendem Gejohle eine Showtanz-Einlage zur Aufmunterung der Himmelfahrtstrinker lieferten.
Eine tolle Überraschung war die Ankunft von Fahrzeuggespannen mit alten Lanz-Bulldogs, die liebevoll restauriert ihr typisches Glühkopfmotorengetuckere ertönen ließen. Diese von der Firma Heinrich Lanz Aktiengesellschaft in Mannheim Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts gebauten Traktoren waren zu ihrer Zeit ein Riesenerfolg auf Grund ihrer Einfachheit und Robustheit und, weil sie mit Rohöl betrieben werden konnten und weder Ventile, Vergaser noch Getriebe benötigten. Von dem Entwickler des Motors, dem Ingenieur Dr. Fritz Huber stammt der legendär gewordene Satz: "Ein Schlepper kann nicht einzylindrig genug sein."

Also kamen auch die Technik-Freaks an diesem Tag auf ihre Kosten und wir Wanderer natürlich sowieso.
Alle Fotos: P. Rost
Bauvorhaben am "Platz Adolf Hitlers" und Ersatzwohnbauten in der "X-Straße"Noch ein Wort zur Ferdinand-Freiligrath-Straße in Weimar. Diese Bebauung entstand erst in den 30er Jahren als Ersatzwohnungsbau für den Bau des Gauforums Weimar. Mit dem Bau des Gauforums am ehemaligen Carl-August-Platz begann man ganze Stadtteile am Rand der Weimarer Altstadt abzureissen. Der amtierende Stadtbaurat und Beauftragte des Gauleiters für die Baugestaltung im Gau Thüringen, Rudolf Rogler forderte: "Weimar muss mit neuem Impuls gefüllt werden!". Nach den Berechnungen der Architekten fielen den gigantischen Umbaumaßnahmen 150 Häuser mit 445 Wohnungen, 52 Läden und 27 Werkstätten zum Opfer. Als Ersatz sollten u.a. 134 Wohnungen in der jetzigen Ferdinand-Freiligrath-Straße geplant werden.Während die Bauten am Adolf-Hitler-Platz durch das Büro des Wettbewerbspreisträgers Prof. Hermann Giesler geplant und errichtet wurden, plante der Architekt Willem Bäumer die platzartig aufgeweitete "X-Straße", die heutige Ferdinand-Freiligrath-Straße, die im Kontrast zum streng geschlossenen Ensemble des Gauforums den historisierenden Vorbildern nachempfunden war und statt einer Machtdemonstration "kleinstädtische Gemütlichkeit und behagliche Biedermeierkeit" vermitteln sollte. So entstanden "in wenigen Jahren dicht nebeneinander zwei völlig unterschiedliche Teile der Stadt, die ... so ein exemplarisches Zeugnis der Gleichzeitigkeit verschiedener Bauauffassungen im Nationalsozialismus der Nachwelt erhält." (Werner Durth/Winfried Nerdinger: Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre - Schriftenreihe des Nationalkomitees für Denkmalschutz Bd. 46 - 1993)
Die Bebauung der Straße ist bis heute in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten. Am Rand der Altstadt stellt sie auch in der nun erneuerten Oberflächen- gestaltung eine Idylle dar, bevor sie sich zum "Weimar-Atrium", der mehrmals und nun vorerst endgültig zum Konsumtempel umgebauten "Halle der Volksgemeinschaft", öffnet.