25. Mai 2007

Himmelfahrt 2007

Natürlich lud das herrliche Wanderwetter am Himmelsfahrttag zu einer ausgedehnten Wanderung im Saaletal bei Bad Kösen ein. Mit den Ehepaaren J. und G. zogen wir zu den Saaleburgen Rudelsburg und Saaleck und zu Mittag ins "Himmelreich", einer bekannten Ausflugsgaststätte auf dem gegenüberliegenden Saaleufer hoch oben über dem Fluß. Hier hat man einen schönen Blick auf die Saaleburgen über einem Muschelkalksteilhang und in das Saaletal.

Da Fotos der Burgen in jedem Thüringer Fotoalbum zu finden sind, mal einige nicht so bekannte Motive:
Auf dem Gelände der ehemaligen Vorburg der Rudelsburg wurden
Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Denkmäler durch Korpsstudenten errichtet:
die Gefallenensäule zu Ehren der im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gefallenen Corpsstudenten (Pfingsten 1872 geweiht) - das erste studentische Denkmal Deutschlands überhaupt,
der Kaiser-Wilhelm-Obelisk (1890),

das Jung-Bismarck-Denkmal (1895/96) - Bismarck als Corpsstudent - Einweihung des Nachgusses 2006,
und das Löwendenkmal
von dem Berliner Bildhauer Prof. Hermann Hosaes zum Andenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Corpsstudenten (1926).











Alle diese Denkmäler wurden nach der Wiedervereinigung restauriert bzw. neu errichtet.


Im Hof der Rudelsburg war natürlich heftiges Biertrinken mit der entsprechenden Geräuschkulisse angesagt, etwas aufgelockert durch junge Tänzerinnen, die unter entsprechendem Gejohle eine Showtanz-Einlage zur Aufmunterung der Himmelfahrtstrinker lieferten.

Eine tolle Überraschung war die Ankunft von Fahrzeuggespannen mit alten Lanz-Bulldogs, die liebevoll restauriert ihr typisches Glühkopfmotorengetuckere ertönen ließen. Diese von der Firma Heinrich Lanz Aktiengesellschaft in Mannheim Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts gebauten Traktoren waren zu ihrer Zeit ein Riesenerfolg auf Grund ihrer Einfachheit und Robustheit und, weil sie mit Rohöl betrieben werden konnten und weder Ventile, Vergaser noch Getriebe benötigten. Von dem Entwickler des Motors, dem Ingenieur Dr. Fritz Huber stammt der legendär gewordene Satz: "Ein Schlepper kann nicht einzylindrig genug sein."











Also kamen auch die Technik-Freaks an diesem Tag auf ihre Kosten und wir Wanderer natürlich sowieso.





Alle Fotos: P. Rost

18. Mai 2007

Weimar im Mai

Hier als Ergänzung zum Sportevent am Himmelfahrtswochenende in Weimar die Bilder:

Adressenaustausch am Theaterplatz:

Ringen in der Schillerstraße:

Beach Volleyball auf dem Marktplatz:

Schach in der Fußgängerzone:

Tischtennis für Profis:

Weimar am Meer:

In die Höhe am Schloss:


Alle Fotos: Peter Rost

16. Mai 2007

"Move your Body - Stretch your Mind!"

40 Tage nach Ostern feiern die christlichen Kirchen "Christi Himmelfahrt". Das Fest erinnert an die Aufnahme Christi 40 Tage nach seiner Auferstehung in den "Himmel" - gemeint ist der göttliche Herrschaftsbereich (im Englischen sagt man dazu "heaven" im Gegensatz zu "sky"). Seit dem 4. Jahrhundert ist Christi Himmelfahrt als eigenständiges Fest am Donnnerstag nach dem 5. Sonntag nach Ostern nachweisbar. In Deutschland ist Himmelfahrt seit 1937 gesetzlicher Feiertag.

Unrühmlich bekannt ist dieser Feiertag als "feucht-fröhlicher" Männertag mit all seinen Folgen, auch seinen traurigen Rekorden bei Verkehrsunfällen unter Alkoholeinfluß. Im Jahr 2006 wurden an diesem Feiertag bundesweit 383 Unfälle unter Beteiligung mindestens eines Alkoholisierten polizeilich registriert.


Dieses Jahr wird den vorwiegend jugendlichen Männern eine Alternative präsentiert: das dsj-Jugendevent in Weimar vom 16. bis 20. Mai unter dem Motto "Sport, Spaß, Bewegung und gemeinsames Erleben". Das klingt gut und hätte die englische Ergänzung gar nicht gebraucht: "Move your Body . Stretch your Mind."

Na gut - Sport frei!

15. Mai 2007

X-Straße = Ferdinand-Freiligrath-Straße

Bauvorhaben am "Platz Adolf Hitlers" und Ersatzwohnbauten in der "X-Straße"

Noch ein Wort zur Ferdinand-Freiligrath-Straße in Weimar. Diese Bebauung entstand erst in den 30er Jahren als Ersatzwohnungsbau für den Bau des Gauforums Weimar. Mit dem Bau des Gauforums am ehemaligen Carl-August-Platz begann man ganze Stadtteile am Rand der Weimarer Altstadt abzureissen. Der amtierende Stadtbaurat und Beauftragte des Gauleiters für die Baugestaltung im Gau Thüringen, Rudolf Rogler forderte: "Weimar muss mit neuem Impuls gefüllt werden!". Nach den Berechnungen der Architekten fielen den gigantischen Umbaumaßnahmen 150 Häuser mit 445 Wohnungen, 52 Läden und 27 Werkstätten zum Opfer. Als Ersatz sollten u.a. 134 Wohnungen in der jetzigen Ferdinand-Freiligrath-Straße geplant werden.
Während die Bauten am Adolf-Hitler-Platz durch das Büro des Wettbewerbspreisträgers Prof. Hermann Giesler geplant und errichtet wurden, plante der Architekt Willem Bäumer die platzartig aufgeweitete "X-Straße", die heutige Ferdinand-Freiligrath-Straße, die im Kontrast zum streng geschlossenen Ensemble des Gauforums den historisierenden Vorbildern nachempfunden war und statt einer Machtdemonstration "kleinstädtische Gemütlichkeit und behagliche Biedermeierkeit" vermitteln sollte. So entstanden "in wenigen Jahren dicht nebeneinander zwei völlig unterschiedliche Teile der Stadt, die ... so ein exemplarisches Zeugnis der Gleichzeitigkeit verschiedener Bauauffassungen im Nationalsozialismus der Nachwelt erhält." (Werner Durth/Winfried Nerdinger: Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre - Schriftenreihe des Nationalkomitees für Denkmalschutz Bd. 46 - 1993)

Die Bebauung der Straße ist bis heute in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten. Am Rand der Altstadt stellt sie auch in der nun erneuerten Oberflächen- gestaltung eine Idylle dar, bevor sie sich zum "Weimar-Atrium", der mehrmals und nun vorerst endgültig zum Konsumtempel umgebauten "Halle der Volksgemeinschaft", öffnet.

14. Mai 2007

"Wasser - Marsch!"


Weimar ist seit Freitag, dem 11. Mai 2007, um eine kleine Attraktion reicher: Im Rahmen der Oberflächenneugestaltung der Ferdinand-Freiligrath-Straße wurde auf der Freifläche vor der Gaststätte "Zum Siechenbräu" ein Spielbrunnen eingeweiht. Eine Plastik des Bildhauers Walter Sachs stellt eine Figurengruppe dar, die Wasser abgibt und wieder aufnimmt. Die Bewohner der anliegenden Wohnhäuser und vor allem die Kinder nahmen die Figuren mit einem kleinen Straßenfest begeistert in Besitz. Für Planung und Bauleitung der Straßenbaumaßnahme ist unser Planungsbüro WEIMARPLAN zuständig.






Alle Fotos: WEIMARPLAN

11. Mai 2007

A-Capella-Chor Zürich


Während unseres kurzen Aufenthalts in der Schweiz waren Esther und Piergiuseppe Snozzi aus Zürich zu Gast bei A. und P. Piergiuseppe Snozzi leitet den A-Capella-Chor Zürich, mit dem beide im Mai 2005 in Thüringen waren. Einem Konzert in der Severikirche in Erfurt folgte ein abendliches Treffen mit dem ganzen Chor und am 16. Mai vor der Heimreise eine Stadtführung in Weimar, bei der ich auch "Nebenschauplätze" zeigen konnte und damit viel Interesse weckte. Die Auftrittsorte wurden ein Jahr vorher beim ersten Besuch des Ehepaares ausgewählt und ausprobiert. Unser Kontakt mit beiden kam dadurch zustande, dass P. einige Jahre im Züricher Chor sang.


Piergiuseppe Snozzi stammt aus dem Tessin und leitete lange Jahre den von Prof. Dr. Walter Rüsch 1947 gegründeten Coro Palestrina Locarno nach dessen Tod, um die geistliche Musik des 16. und 17. Jahrhunderts zu pflegen. Inzwischen konzentriert sich "Piero" nur noch auf den A-Capella-Chor Zürich. Mittelpunkt des Chorrepertoirs bildet das Werk Palestrinas, aber auch Werke Cardosos, Viadanas, Allegris und anderer werden regelmäßig aufgeführt.

Piergiuseppe Snozzi:

"Ich bin überzeugt, dass diese meditative Musik gerade uns heutige Menschen fasziniert durch ihre schwerelose Durchsichtigkeit und ihr gleichmaßiges Strömen."

Klang und Raum und das Tempo erhalten besonderes Augenmerk in der Interpretation des Chores.
"Kritiker und Musikwissenschaftler haben zwar schon viel diskutiert, ´wie´ man Musik aufführen soll, aber noch wenig darüber, ´wo´das geschehen soll. Der Ort, wo eine Musikaufführung stattfindet, ist keineswegs unwichtig und müsste demnach einen direkten Einfluss auf das ´Wie´haben....
... Musik kann durch einen Ortswechsel an Qualität einbüssen. So entgeht uns leicht, dass ein guter Teil der ´klassischen´Musik heute in Konzertsälen aufgeführt wird, wie es sie noch gar nicht gab, als sie komponiert wurde (vor 1850). Werden nun Werke von Vivaldi oder Haydn in solchen Sälen aufgeführt, so wird die Musik dieser beiden Komponisten an Orten aufgeführt, wofür sie nicht gedacht waren. Was macht das für einen Unterschied? Je nachdem ist er beträchtlich oder nur bescheiden. Denken wir an die Resonanz, an den Hall eines Raumes. Die Präludien und Fugen des ´wohltemperierten Clavicembalos´von J. S. Bach haben eine eher rasche Akkordabfolge. Das ist so, hält Kurt Blaukopf in seinem Werk "Musik im Wandel der Gesellschaft 1982" fest, weil diese Musikstücke für ein Tasteninstrument gedacht waren, die in eher kleinen Räumen ohne Echo
aufgeführt wurden, so dass keine Gefahr bestand, dass sich die rasch folgenden Akkorde überlagerten und Missklänge erzeugten. Man kann sich also gut vorstellen, wie anders diese Stücke schon in einem mittelgroßen Saal klingen. Die Kantaten und Passionen von J. S. Bach hingegen sind für die Aufführung in einer Kirche gedacht und haben darum einen weniger dichten harmonischen Rhythmus, so dass sie sich für Räume mit etwas Nachhall besser eignen. ..." (Marcello Sorce Keller)


Tempowahl und Art der Aufführung nehmen immer Rücksicht auf die Klangverhältnisse der Kirchen, in denen der Chor auftritt. Das gewählte "Tempo" steht demnach nicht nur in Bezug auf die Komposition, sondern auch auf den Ort. Deshalb werden die akustischen Verhältnisse vor Ort geklärt und ausprobiert, ehe eine Entscheidung für oder gegen den Auftrittsort gefällt wird. Dabei sind auch Positionen von Sängern und Publikum von Bedeutung. Diese nicht neue Erkenntnis wird leider selten in die Tat umgesetzt. Die Komponisten des späten Mittelalters und der Renaissance haben ihre Messen und Motetten für bestimmte Kathedralen komponiert und dabei die Akustik dieser Räume berücksichtigt, in denen Töne erst nach einigen Sekunden verklingen. Piergiuseppe Snozzi dirigiert seinen Chor im Bewußtsein dieser Zusammenhänge.


Es wird ein Wiedersehen mit den Snozzis und dem Züricher Chor geben: zu Pfingsten 2007 in der Michaeliskirche in Jena und im Naumburger Dom. Selbstverständlich werden wir in Jena am Pfingstmontag dabei sein. Übrigens war der Auftritt 2005 überschattet von einem tragischen Unfall: Piergiuseppe stürzte in Erfurt und verletzte sich schwer, so dass er mit den Nachwirkungen noch bis Anfang 2007 zu kämpfen hatte.

Rückblick April


Ein Rückblick auf die April-Farben im Garten: eine frühe Berberitze.

Dieser April bescherte uns ein herrliches Frühlingswetter mit viel Sonnenschein und kaum Regen. Die Bauern fürchteten schon um eine Missernte bei ausbleibender Feuchtigkeit. Besonders betroffen wären Gerste, Weizen und Zuckerrüben, was eine Erhöhung des Bierpreises im Herbst nach sich zeihen könnte. Aber seit dieser Woche haben wir Aprilwetter - im Mai. Heute ist übrigens der erste "Eisheilige":
11.5. Mamertus
12.5. Pankratius
13.5. Servatius
14.5. Bonifatius
und zum Schluss am 15.5. die "kalte Sophie". Wenn es gegenwärtig auch nicht so aus sieht, gerade im Zeitraum um den 12. bis 14. Mai fallen die Temperaturen häufig rapide ab, wodurch es Bodenfrost geben kann. Das Motto heute:

Der heilige Mamerz hat von Eis ein Herz.

10. Mai 2007

"Fett for Fun"

Was unserer Regierung alles so einfällt: "Fit statt Fett" heißt jetzt das Regierungsprogramm und soll uns die körperliche Ertüchtigung für Flexibilität, Belastbarkeit und Anpassung an die Erfordernisse der Wirtschaft verordnen. Das Wort "kostengünstig" fehlt noch, ist wohl aber der eigentliche Hintergrund. Der Weg zur wirtschaftlichen Verwertung des Einzelnen in unserer Gesellschaftspolitik wird immer deutlicher: "Wir werden überwacht, kontrolliert und drangsaliert und man legt uns nahe, wie wir unser Leben ... am effektivsten zu gestalten hätten" ("Pillo" im Forum der Tagesschau). Ein Vorschlag aus dem gleichen Forum: "... Allgemein verpflichtende, jährlich stattfindende amtsärztliche Reihenuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr einführen, die gegebenenfalls Nachschulungen der Eltern zur Folge hätten."

Bin ich froh, dass die Regierung auf Verordnungen und Strafen (vorerst) verzichten will.
Ab zum Mittagessen!

Vier Tage im "Heidiland"


Das verlängerte Wochende vom 27. April bis 1. Mai dieses Jahres verbrachten wir im 580 km entfernten Wangs (eigentlich Vilters-Wangs) in der Schweiz; es war ein lange fälliger Besuch im neuen Domizil von A. und P. mit dem kleinen L., unserem Enkel. In der Schweiz Vorzeigewetter wie zu Hause in Deutschland, fast schon Hochsommer, auch was die Vegetation angeht. Vilters-Wangs liegt am Westhang des Rheintals im Kanton St. Gallen in der Region Sarganserland und der Ferienregion "Heidiland", ist eigentlich ein Dorf, entstanden aus dem Zusammenschluss der Orte Vilters (1872 Einwohner) und Wangs (2204 Einwohner) und leicht erreichbar über die Autobahn Bregenz - Chur. Die Dörfer verdanken ihre Lage in der einmaligen Flusslandschaft Rheinau den Dorfbächen und stehen auf Schuttkegeln. In vergangenen Jahrhunderten gab es in der Region schwere Schäden durch Pest (14. und 17. Jahrhundert), katastrophale Überschwemmungen und Dorfbrände (1800 in Vilters) sowie Hunger und Elend. Deshalb verwundert es nicht, dass im 19. Jahrhundert viele Einwohner nach Amerika auswanderten.
Der Hausberg des Ortes ist der "Gonzen" mit 1.829 m (auf dem Foto oben rechts, in der Fortsetzung der Bergkette auf dem Foto die sogenannten "Churfirsten").


Ein chinesischer Hartriegel (cornus causa) in voller Blüte, bei uns im Weimarer Garten kann man nur erste Knospenansätze bestaunen.

Obligatorisch ein Besuch im nahe gelegenen Chur, der ältesten Stadt der Schweiz mit 5.000 Jahren Siedlungsgeschichte und Hauptstadt des angrenzenden Kantons Graubünden (siehe auch mein Post zu Hildesheimer vom 5. April 2007, der ja in Graubünden an der Grenze zu Italien lebte).


Ein Ausflug führte uns zum Walensee, dem "See der Welschen", so genannt, da er im Frühmittelalter die Sprachgrenze zwischen Alamannen im Westen und Rätoromanen, den "Welschen", im Osten markierte. Bei ca. 24 km² Oberfläche beträgt seine größte Tiefe 151 m; da er rundum von über 1.000 m hohen Felsen umgeben ist, nördlich von der imposanten Bergkette der "Churfirsten", hat er eine niedrigere Wassertemperatur als andere Seen der Umgebung.


Ein Höhepunkt der Tage in Wangs war ein Besuch des Ehepaares Snozzi aus Zürich; aber davon später.

Alle Fotos: Peter Rost

8. Mai 2007

Zum Nachdenken über Preise

"Es gibt kaum etwas auf dieser Welt,
das nicht irgend jemand ein wenig
schlechter machen und etwas billiger
verkaufen könnte, und die Menschen,
die sich nur am Preis orientieren,
werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Wenn wir zuviel bezahlen,
verlieren wir etwas Geld, das ist alles,
wenn wir dagegen zu wenig bezahlen,
verlieren wir manchmal alles,
da der gekaufte Gegenstand die ihm
zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es,
für wenig Geld viel Wert zu erhalten.
Nehmen wir das niedrigste Angebot an,
müssen wir für das Risiko, das wir eingehen,
etwas hinzurechnen.
Und wenn wir das tun, dann haben wir
doch genug Geld, um etwas Besseres zu bezahlen."


John Ruskin
(Engl. Sozialreformer 1819 - 1900)

Endlich Regen!


Seit genau einem Monat hat es bei uns keinen Tropfen mehr geregnet. Anfang April versiegten die Schleusen des Himmels über Mitteldeutschland und so freuten sich nicht nur die Kleingärtner über den Guss der letzten Nacht. Unsere Regenwasseranlage ist wieder zu 80 % gefüllt. Und das gegen den Willen unseres Trinkwasserlieferanten, des Wasserzweckverbandes Weimar, der sein Wasser teuer verkaufen will und uns deshalb die Nutzung der Anlage teilweise untersagen wollte. Nur durch Klage und Entscheid des Verwaltungsgerichts Weimar erhielten wir das Recht, unsere Wäsche mit gefiltertem Regenwasser zu waschen.

Was ist "Regen" eigentlich? Erst mal eine Kleinstadt im Mittleren Bayerischen Wald mit 12.500 Einwohnern; größter Betrieb ist die Firma Rodenstock (Optik und Brillen), gelegen am Fluss "Regen". Der ist ein 165 km langer Fluss in Ostbayern, kommt aus dem Böhmerwald und mündet in die Donau bei? Na? Natürlich bei Regensburg. Der Name Regensburg kommt aber nur indirekt vom Fluss "Regen" - er ist abgeleitet vom lateinisch "Castra Regina" (Lager am Regen). Die Stadt Regen führt im Wappen sinnigerweise einen Regenbogen, dessen Farben sich aber im Lauf der Zeit auf drei reduziert haben: Rot, Gelb, Blau.


Und dann und vor allem bezeichnet Regen "...einen flüssigen Niederschlag mit einer Tropfengröße von meist 0,6–3 mm. Unterhalb von 0,5 mm ist es Sprühregen (auch Nieselregen)..." (Wikipedia).
Und wie misst man die Fallgeschwindigkeit der Regentropfen? Es gibt eine Faustformel:
"Fallgeschwindigkeit in m/s entspricht in etwa 2 x Tropfendurchmesser in mm. Ein Tropfen mit 1 mm Durchmesser fällt also mit einer Geschwindigkeit von ca. 2 m/s = 7 Stundenkilometer (km/h).

4. Mai 2007

Ein "Klassischer Klezmer" in Weimar


Die Stadt am Freitag mittag zeigt ein frühsommerliches Aussehen. Die Passanten und Touristen suchen den Schatten, auf dem Marktplatz und in der Innenstadt herrscht reges Treiben. Auf dem Weg durch die Schillerstraße, unseren Prachtboulevard, der allerdings nicht mit allen Ladengeschäften hält, was er verspricht (Läden mit kurzer Verweildauer und Billigangebot), höre ich Sphärenklänge eines Marimbaphons.
Marimbaphon (lt. Wikipedia): "Die Marimba, oft auch Marimbaphon genannt, ist ein Schlaginstrument und gehört zur Familie der Xylophone mit einem bis zu 2/3 Oktaven großen Tonumfang von c2 bis g7. Im Gegensatz zu einem Vibraphon mit Metallklangstäben hat die Marimba Holzklangstäbe. Diese sind wie bei einer Klaviatur in zwei Reihen chromatisch gestimmt angeordnet. Unter jedem Holzklangstab ist zur intensiven Schallabstrahlung ein senkrecht orientiertes Metallrohr angebracht. Seine Länge ist so abgestimmt, dass die Luftsäule in seinem Inneren in Resonanz mit dem Klangstab schwingt. Da die Holzklangplatten dünner und weicher sind, klingt die Marimba dunkler und voller als ein Xylophon."


Vor Weimar´s größter Buchhandlung hat Alex Jacobowski, gebürtiger New Yorker und orthodoxer Jude, sein Instrument aufgebaut und spielt Bach und Beethoven. Seit 20 Jahren Straßenmusiker, hat er sich nach der klassischen Ausbildung an der "Ithaca School of Music" einer Karriere als Orchesterschlagzeuger entzogen und stattdessen das Marimbaphon auf der Strasse kultiviert (Die Ausbildung als Orchesterschlagzeuger in der Weimarer Musikhochschule umfasst auch die Instrumente Xylophon und Marimbaphon als klassische Schlagwerke). Seine Familie mit sechs Kindern lebt in Jerusalem; inzwischen gibt es auch ein Buch von ihm: "Ein klassischer Klezmer - Reisegeschichten eines jüdischen Musikers".

Die "Jerusalem Post" über Alex Jacobowski:
"...a splendid performer, who never allowed viruority to blanket the unique musical message."


Alle Fotos: Peter Rost

3. Mai 2007

Das "Köstritzer Spiegelzelt"


Heute ist es soweit: Das "Köstritzer Spiegelzelt" öffnet seine Tore für die diesjährige Spielzeit mit Klaus Hoffmanns Jaques-Brel-Programm. In insgesamt 35 Vorstellungen und 4 Benefiz- und Zusatzveranstaltungen wird das Zelt in Weimar bis 17. Juni mit seiner einzigartigen Atmosphäre zum Schauplatz von Musik, Theater und Kabarett.
Das "Spiegelzelt" war ein sogenannter "dans palais" aus Holland und um die Jahrhundertwende mit seiner Ausstattung aus Holz und Samt mit zahlreichen Spiegeln die Attraktion auf Jahrmärkten und Festen in Holland und Belgien. Mittlerweile wurde
es durch seinen Sponsor, die Köstritzer Schwarzbierbrauerei, zum 4. Mal für ein Kleinkunst-Festival auf dem Beethoven-Platz am Rand des Weimarer Goetheparks aufgebaut.

Voriges Jahr hatten wir Karten zum Konzert der Gruppe "The World Quintett", einer Schweizer Band, die Klezmer, Jazz und Blues unter einen (mitreißenden) Hut brachte, und dieses Jahr zu Pfingsten am 27. Mai für das Programm "Les Siciliens" mit Etta Scollo, die bereits zweimal das Weimarer Publikum verzauberte.


Wie immer hatte unser Johann Wolfgang auch zu Sizilien etwas zu sagen: "Sizilien ist das Tor zu Europa (...) hier ist der Schlüssel zu allem."

25. April 2007

Blech um die Kirche

Unsere schöne Stadt Weimar hat einen großen Vorzug: Altstadt und spätere Stadterweiterungen drängen sich auf engstem Raum. Das hat zur Folge, dass der Fußgänger in einer halben Stunde von einem Ende der Stadt zum anderen gelangen kann und Weimar damit eine Stadt der kurzen Wege ist. Nun sollte man denken, dass die Volksvertreter dafür sorgen, dass für Einheimische und Touristen die Schönheit der Stadt erlebbar bleibt. Nichts da; ständig wird von Fraktionen des Stadtrates um die Ausweitung des Fahr- und Parkangebotes in der Innenstadt gekämpft. Da dem Individualverkehr mit Auto und zu Fuß gleiche Rechte eingeräumt werden, ist die Innenstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten ständig zugeparkt. Langsam, aber sicher stellt das Privat-Auto, diese "metallene Privatkapsel, die das urbane Leben unserer Städte zum Erliegen bringt" (Hanno Rauterberg), eine wirkliche Bedrohung für den öffentlichen Raum dar, "weil es kaum Straßen oder Plätze gibt, die nicht vollgestellt, vollgelärmt, vollgestunken werden - und damit allen anderen öffentlichen Interessen kaum noch Raum lassen."

Ich will dies am Beispiel des Herderplatzes in Weimar illustrieren: eine einzige Katastrophe, die auch bei der geplanten Neugestaltung des Platzes nicht grundlegend verändert werden wird. Drei Fotos sollen die Übermacht von Blech zeigen, beim dritten handelt es sich um ein Vexierbild. Von einem der schönsten Brunnen Weimars mit neugestaltetem Umfeld ist nichts mehr zu sehen außer Blech, Blech, Blech...

"Schimanski´s" Hemd

Kurz nach 1990 habe ich mir ein jeans-ähnliches Hemd gekauft, hellblau leicht verwaschen mit farbigen Nähten und kleinen Stickereien an den Brusttaschen. An diesem Hemd habe ich sehr gehangen und besonders wertvoll wurde es, als ich anlässlich eines Fernseh-Interviews Götz George in eben diesem Hemd vor der Kamera sitzen sah. Also nur Schimanski und ich hatten solch ein Hemd; ich habe es nie wieder bei anderen gesehen. Leider wurde das Hemd inzwischen durch S. bei einer Razzia nach "untragbaren" Hemden im Kleiderschrank auf Grund seines hohen Verschleissgrades gnadenlos entfernt. Bei Schimanski bin ich mir nicht sicher, ob er wohl immer noch in dem alten Hemd auf Sendung geht.

An diese Episode musste ich denken, als ich dieser Tage in unserer Tageszeitung eine kurze Notiz las, dass Götz George kein gutes Haar mehr an der Krimi-Reihe "Tatort" lässt:
"Früher gab es sechs mal im Jahr einen ´Tatort´. Das war ein Highlight. Heute läuft zweimal am Tag ein ´Tatort´, jeder zweite Schauspieler wird ´Tatort´-Kommissar."
Diese ständigen Wiederholungen haben tatsächlich der Reihe gewaltig Abbruch getan; als alter "Tatort"-Fan war ich bitter böse, als im vorigen Sommer (2006) sogar sonntags zur "Tatort"-Zeit nur noch Wiederholungen alter Sendungen gezeigt wurden. Ich bin gespannt, ob sich dies im kommenden Sommer wiederholt.

Zum Werteverfall im Deutschen Fernsehen nochmals Götz George: "Die Menschen, die heute populär sind, das sind Friseure, Talkmaster und Frauen mit gefärbten Haaren und aufgepumpten Brüsten und - Köche. Köche! Und wenn man zu einem Event eingeladen wird, steht man plötzlich neben Friseuren, Köchen, Telenovela-Sternen und anderen Knalltüten. In dem Punkt bin ich wie Schimanski. Der verbündet sich nicht mit Menschen, die er nicht mag."

13. April 2007

Nachtrag zu Wilhelm Busch

Die Deutsche Post wird Wilhelm Busch 2007 mit Huckebeinmotiven auf den Jugendmarken ehren. Hans Huckebein war übrigens in den 60er Jahren Motiv auf den eigens angefertigten, damals noch gar nicht gängigen T-Shirts unseres Architekturstudenten-Jahrganges zum gemeinsamen Auftritt beim berühmt-berüchtigten Hochschulfasching der HAB Weimar. Jedes Studienjahr hatte ein eigenes Erkennungsmotiv auf den selbstgeschneiderten Hemden.

Das Finanzministerium beteiligt sich ebenfalls bei der höchst willkommenen Vermarktung des Jubilars: mit einer Zehn-Euro-Gedenkmünze aus Silber, gestaltet von Othmar Kukula aus Neuhausen. Der glatte Münzrand enthält in vertiefter Prägung die Inschrift:

"Wer rudert, sieht den Grund nicht."

175. Geburtstag Wilhelm Busch


Letztes Selbstbildnis


Übermorgen, am 15. April 2007 wird der 175. Geburtstag von Wilhelm Busch gefeiert. Das Wilhelm-Busch-Museum Hannover widmet dem Zeichner, Maler, Volksdichter und Schöpfer von Bildgeschichten zwei Ausstellungen und die Stadt Hannover feiert das Busch-Jahr 2007, denn bereits am 8. Januar 2008 jährt sich sein Todestag zum 100. Male.

Wer ist nicht mit den Gestalten seiner Bildgeschichten aufgewachsen, mit Max und Moritz, dem wohl volkstümlichsten Brüderpaar. Das Ende so mancher seiner Figuren war schrecklich und weckte oft zwiespältige Empfindungen in mir. Die Bildergeschichten, wie "Hans Huckebein", "Die fromme Helene" oder "Fips der Affe" machten nicht nur Busch´s Verleger Kaspar Braun reich, sondern auch Busch selbst zum wohlhabenden Mann.
Neben seinem zeichnerischen Werk schuf Busch mehr als 1000 Ölbilder von teilweise hoher Qualität, die aber, von ihm zurückgehalten, erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

Kritik des Herzens

Ach, ich fühl es! Keine Tugend
Ist so recht nach meinem Sinn;
Stets befind ich mich am wohlsten,
Wenn ich damit fertig bin.

Dahingehend so ein Laster,
Ja, das macht mir viel Pläsier;
Und ich hab die hübschen Sachen
Lieber vor als hinter mir.

Wilhelm Busch

11. April 2007

Schlankheitswahn als Schönheitsideal?


Möchten Sie, dass Ihre Frau/Freundin mit solchen knochigen Stelzen herumläuft? Und abends, weil sie besonders lieb sein will, Ihnen ihre Storchenbeine ins Auge rammt? Eine große Hilfe bei Sport und Spiel mit den Kindern oder der Gartenarbeit sind diese Beine nicht gerade.

Lt. Wikipedia ist "...ein Schönheitsideal eine bestimmte Vorstellung von Schönheit. In der Regel bezieht sich der Begriff auf das Aussehen des menschlichen Körpers und Gesichts... Das im Westen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts modisch gewordene Schlankheitsideal hat im historischen und interkulturellen Vergleich eher Seltenheitswert."

Die von Wissenschaftlern der Universität York, Ontario (Kanada) publizierte Studie "Thinnes and Body Shape of Playboy Centerfolds from 1978 to 1998" ergab, dass 70 % der untersuchten 240 Playboy-Mädchen mit einem Body-Maß-Index (BMI) von weniger als 18,1 stark untergewichtig waren; 77,5 % wogen weniger als 85 % ihres Idealgewichtes. Das leichteste Playmate wog nur 42,7 Kilogramm, was eigentlich mit sofortiger künstlicher Ernährung wieder aufgepäppelt werden müsste. Sage mir einer, dass bei einem Taillenumfang von 59 cm auch noch eine große Oberweite natürlich wäre: die kann dann nur "künstlich" sein, denn bei Untergewicht ist die Brust eher flach. In die Nähe eines lebensbedrohlichen Body-Maß-Index von unter 13 kommen viele der weltbekannten Models.
Ist das unser Schönheitsideal?
Sind Frauen denn nicht auch so, wie sie individuell sind, schön? Warum das Äußere in eine Form pressen, nur damit alle gleich aussehen? Und wann müssen wir Männer mit solchen Storchenbeinen herumlaufen?

7. April 2007

Noch ein Ostergruß!

Ein kleines Ostergedicht:

"Wer ahnte, dass zum Weihnachtsfest
Cornelia mich sitzen lässt?
Das war noch nichts: Zu Ostern jetzt
hat sie mich abermals versetzt.
Nun freu´ ich mich auf Pfingsten -
nicht im geringsten!"

(Heinz Erhardt)

Frohe Ostern!


Zu Ostern gibt es Ostereier. Warum gerade Eier? Die doch der Osterhase gar nicht legen kann?

Das Ei ist ein Symbol für das Leben, da es Träger des Lebens und der Lebenserneuerung ist. In den mythischen Vorstellungen sehr vieler Kulturen findet sich das Weltenei, das - als Sinnbild der Totalität aller schöpferischen Kräfte - am Uranfang da war und aus dem die gesamte Welt, die Elemente oder zunächst oft nur Himmel und Erde entsprangen. Außerdem ist es ein Schutz- und Abwehrsymbol beim Haus- und Brückenbau und bei Blitz- und Feuergefahr.

Im Christentum gilt das Ei als Auferstehungssymbol, weil Christus aus dem Grab hervorbrach wie das reife Küken aus dem Ei; das Osterei, das bereits bei heidnischen Frühlingsfesten eine Rolle als Fruchtbarkeitssymbol gespielt hatte, erhielt so eine spezifisch christliche Deutung.

"Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben."
(Johannes 11,25)

5. April 2007

Collagen von Wolfgang Hildesheimer

Wolfgang Hildesheimer
Wo wir uns wohlfühlen
Mitteilungen aus Italien und Poschiavo
Ausgewählt von Dietmar Pleyer
Insel-Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2006
Insel-Bücherei Nr. 1284

Für Italien hat Wolfgang Hildesheimer immer wieder Worte der Faszination, ja der Liebe gefunden. Hildesheimer lebte von 1957 bis zu seinem Tode 1991 in Poschiavo, einem Graubündner Städtchen nahe der italienischen Grenze. "Hier ist ein guter Boden für Hildesheimers Schreiben und Malen, aber auch für den Genuss des Lebens: der Begegnung mit den Menschen, ihrer Landschaft und ... ihrer Küche."

Der Herausgeber Dietmar Pleyer hat Textstellen aus Notaten, Schriften, Gesprächen und vielen unveröffentlichten Briefen ausgewählt sowie bislang unpublizierte Bilder und lässt damit "eine geradezu horazische Idylle erstehen." Der kleine Band ist illustriert u.a. mit Zeichnungen und Collagen aus dem Privatbesitz von Silvia Hildesheimer, die noch immer in der Casa Gay (Via dal Convent 58) lebt. Wenig entfernt liegt das "Vecchio Monastero". Dieses Kloster ist heute ein Kulturzentrum mit einer Dauerausstellung der Collagen Hildesheimers. Aus rechtlichen Gründen (Copyright) zeige ich keine Abbildungen. Ich habe bis heute noch keine Monografie über Hildesheimers Werke, insbesondere die Collagen, gefunden.
Dieses kleine Inselbändchen ist wieder ein Meisterwerk, mit Vorbemerkung, in Text- und Bildauswahl stimmig, für so ein schmales Büchlein ausführliche Anmerkungen, Text- und Bildnachweise...
Satz und Schrift Sabon; das Bezugspapier zeigt ein Motiv aus einer Collage Hildesheimers "Flaschen" (1981 - 1986). Es stört einzig der Preis, wie immer bei den neuen Insel-Büchern. Sicher kann man solche Bücher in der heutigen aufwendigen Ausstattung mit teuren Papieren (holzfrei, alterungsbeständig, mattgestrichenes Papier der Fa. Geese, Hamburg) nicht mehr zum Ursprungspreis von 1,25 M herstellen. Aber Sinn und Zweck der Inselbücherei werden mehr und mehr infrage gestellt, je kostbarer die Ausstattung wird. Als langjähriger Sammler und Freund der Insel-Bücherei bedaure ich dies sehr. Natürlich altern meine alten Vorkriegs- und DDR-Ausgaben langsam, aber das tun andere Bücher und ich selbst auch.

Nachtrag zum Buchtipp: Über das Reisen


Hier ein weiteres Zitat aus Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" über das Reisen:

"Ein Flugzeug besteigen und wenige Stunden später in einer ganz anderen Welt ankommen, ohne dass man Zeit gehabt hatte, einzelne Bilder von der Strecke dazwischen in sich aufzunehmen - das mochte er nicht, und es verstörte ihn."

Uns geht das mit dem Reisen verbundene Erleben und Entdecken zunehmend ab. Entfernungen spielten in früheren Zeiten eine große Rolle - sie machten das Reisen in entfernte Gegenden beschwerlich, aber auch zum seltenen und unvergeßlichen Erlebnis. Von der mühsamen Fußwanderung bis zum Düsenjet war ein langer Weg; schon der Schritt von der Eisenbahn zum Privat-PKW läßt kaum noch Zeit für das Entdecken und Wahrnehmen der Reiseroute. Dazu Götz Kubitschek ("Politisches Tagebuch"):

"Ich bin ... mit meiner Frau und den drei ältesten Kindern zu einem Urlaub bei Barcelona nicht geflogen, sondern ganz bewusst mit der Bahn gefahren, obwohl das anstrengender und teurer war: Die Kinder sollten nicht den Eindruck bekommen, dass Spanien etwa so weit entfernt sei wie Berlin oder Frankfurt am Main. Sie erfuhren den Wechsel der Dialekte bis nach Basel, erlebten den Wechsel der Landschaft und der Wärme und des Geschmacks der Luft an den verschiedenen Bahnhöfen. Sie stiegen in einen Nachtzug (!) und mussten übermüdet um vier Uhr in der Frühe wieder aufstehen. Mit anderen Worten: Die Entfernung bekam ein Gesicht, eine Bedeutung, die drei erzählen heute noch davon."

Buchtipp

Da steht ein Lateinlehrer mitten in der Unterrichtsstunde auf und verlässt Klasse, Schule und sein geordnetes Leben, setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon und macht sich dort auf die abenteuerliche Suche nach dem Autor eines Buches, dessen Inhalt ihn fesselt und nicht mehr loslässt. Auf den Spuren dieses faszinierenden Menschen entdeckt er Wahrheiten über "das Leben, die Liebe, Einsamkeit, Endlichkeit, Freundschaft und Tod."
Der Lehrer mit dem altmodisch klingenden Namen Raimund Gregorius ist ein wandelndes Philologen-Lexikon, "da er neben jeder lateinischen und griechischen Textstelle auch jede hebräische im Kopf hatte..." In Windeseile lernt er Portugiesisch, Schritt für Schritt entziffert er die Ausführungen des Amadeo de Prado und geht dessen Lebensspuren nach. Die wie im Kriminalroman angelegte Suche, überraschende Handlungsorte und unerwartete Begegnungen machen die Lektüre so spannend - das fesselt den Leser und macht das Lesevergnügen vollständig.

Pascal Mercier, 1944 in Bern geboren, ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.

Zitat:
"Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese nur zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben..."
und weiter:
"Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?"

Und auf der letzten Seite:
"Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben."

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon
btb Verlag München 2006

2. April 2007

Fundstück

Natursteinmauer in Schneeberg
Foto: Peter Rost

"Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen."
(Johann Wolfgang von Goethe)

29. März 2007

Wer kauft unseren Stadion-Namen?

Der Hamburger Sportverein war der erste Bundesliga-Verein, der den Namen seines Stadions (des "Volkspark-Stadions") für gut 18 Mio Euro an AOL für 5 Jahre verkaufte. Die Entrüstung hat sich längst gelegt, da auch andere Vereine inzwischen ihre Stadion-Namen verkauft haben (siehe meinen Post vom 9. Januar 2007).

Jetzt hat der HSV wieder zugeschlagen: die "AOL-Arena" wird ersetzt durch "HSH Nordbank Arena" und bringt für 6 Jahre ca. 25 Mio Euro ein. Schade, dass unsere Weimarer Mannschaft "SC 1903 Weimar" nur in der Thüringen-Liga spielt. Mit dem Stadion am Lindenberg und seinen 8.000 Plätzen ist wohl zu wenig Staat zu machen - ob da wohl AOL anspringen würde? Aber vielleicht steigt einer unserer hiesigen Sponsoren ein? Wie wär`s mit "Hammerschenke-Arena" oder "Ehringsdorfer Kessel"?

Schneeberg




Fotos: Peter Rost

Wir treffen uns regelmäßig mit A. und E., wechselseitig in den jeweiligen Heimatorten. Diesmal war unser Besuch in Silberstrasse fällig und natürlich war es wieder ein entspannendes, trotzdem aber interessantes Wochenende. Obligatorisch bereits ein Besuch in Schneeberg, diesmal im Museum für bergmännische Volkskunst mit Bergmannsausrüstungen, Schaubergwerken und Weihnachtspyramiden sowie einer Sonderausstellung mit Spitzen aus Brügge.
Seit unseren wiederkehrenden Besuchen in Zwickau und Schneeberg haben wir unseren Weihnachtsbaumschmuck vollständig auf traditionelle erzgebirgische Schnitzkunst umgestellt, was sich wiederum gar nicht kitschig oder volkstümelnd darstellt, sondern unseren Ansprüchen auch gestalterisch genügt.

Abends dann wie immer lebhafter Gedankenaustausch, Gespräche und Nachbearbeitung der Claudel-Ausstellung in Apolda vom Oktober 2006, die wir gemeinsam besuchten, mit dem Film von Bruno Nuytten mit Isabelle Adjani und Gerard Departieu. Am Sonntag eine Wanderung oberhalb Schneeberg durch Waldpartien, die während der diesjährigen Frühjahrsorkane arg in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Überall Windbruch, teilweise bereits aufgearbeitet; aber die aus dem Waldboden gerissenen Wurzelbereiche der großen Fichten lassen uns die gewaltigen Kräfte ahnen, die hier gewirkt haben. An einem kleinen Waldsee ein wohltuend ruhiges Bild, nur ein paar Enten dösen im frühen Morgenlicht noch vor sich hin.
A. und E. haben sich hier einen Alterssitz am Eingang zum Erzgebirge geschaffen; aber auch Weimar liegt unweit des Thüringer Waldes - die Parks und Wälder südlich der Stadt leiten zum Mittelgebirge über und die neue Thüringer-Wald-Autobahn bringt uns in einer halben Stunde nach Oberhof und zum Rennsteig.
Im Sommer werden wir dann wieder den Gegenbesuch empfangen, unsere neue Gästewohnung steht bereit.

23. März 2007

"FRiSCH" - Schüler machen Zeitung

Beim Aufschlagen der FR vom 20. März fiel mir eine Beilage in die Hände, die auf den ersten Blick wie eine der üblichen Anzeigen-Beilagen wirkte. Schon halb auf dem Weg in den Papierkorb sah ich etwas genauer hin: da schreibt Sönke Reimers, Geschäftsführer der FR über ein Zeitungsprojekt "FRiSCH" - Frankfurter Rundschau in der Schule", das bereits seit vergangenem Sommer die Zeitung unterrichtsbegleitend den Schulen als kostenloses Arbeitsmittel zur Verfügung stellt. Das starke Interesse der Schüler führte sogar zur Gründung einer FR-Jugendredaktion.
Und diese Jugendredaktion schwärmte im Februar aus, um beim Unternehmen McDonald´s, einem der Hauptsponsoren des Projektes, hinter die Kulissen zu schauen. Wörtlich: "Diese Beilage wurde von unseren FRiSCH-Schülerreportern eigenständig redaktionell erstellt. Die Möglichkeit dazu hat ihnen der Wirtschaftspartner des Projektes, McDonald´s Deutschland, gegeben." Und weiter: "Mit vielen kritischen Fragen und großem journalistischen Eifer sind die an die Sache herangegangen."

Natürlich habe ich mir daraufhin die acht Seiten etwas näher angesehen. Und das Ergebnis: Es handelt sich unzweifelhaft um eine Werbepublikation für McDonald´s. Dafür spricht auch der unverblümte Vermerk auf der ersten Seite: "Eine Anzeigen-Beilage von McDonald´s." Da ist es mit der kritischen Recherche nicht weit her, wenn Vorstandsvorsitzender, Personalchef und Direktor Marketing dieses Projekt für die geschönte Darstellung der Unternehmenspolitik nutzen. Nicht nur, dass hier Werbung und PR mit Journalismus vermischt wird, besonders empörend ist der Mißbrauch der jugendlichen Begeisterung und des Interesses der Schüler an der journalistischen Arbeit für die Selbstdarstellung eines Konzerns. Eine an sich gute Sache wie das Projekt "Zeitung in der Schule" mit der Chance für die Schüler zur eigenen Gestaltung journalistischer Themen und dem Heranführen an die Medien-Branche wird so zur Farce.
Originalton Reimers:" Gemeinsam (mit McDonald´s !) konnten wir unserem Anspruch gerecht werden, Jugendliche zu fördern, ihr Urteilsvermögen zu schärfen und ihr Interesse an kritischem Journalismus zu erfüllen." Wenn das nicht ein zynisches Programm für eine angeblich linksliberale Tageszeitung ist !

Die Praxis der Tageszeitungen, die Seiten zunehmend mit solchen vom normalen Zeitungstext schwer zu unterscheidenden Anzeigen-Beilagen zu füllen, stößt bei mir auf immer weniger Gegenliebe und wird wohl eines Tages dazu führen, daß ich mir das tägliche Tageszeitungs-Werbe-Blatt erspare. Dazu kommt, daß infolge der sich ständig vermehrenden Aufkleber auf den Briefkästen "Keine Werbung !" immer öfter Werbung direkt der Zeitung beigelegt wird, so daß man ihr nur noch durch Abo-Kündigung ausweichen kann.

21. März 2007

Im Märzen der Bauer...



Foto: 21.03.07, 12:00 Uhr MEZ

Am 21. März um 01:07 Uhr MEZ überschreitet auf dem Weg nach Norden die Sonne den Äquator. Tag und Nacht sind gleich lang (je 12 Stunden) - diese Tagundnachtgleiche ist der Frühlingsanfang auf der Nordhalbkugel der Erde. Vor diesem astronomischen Frühlingsanfang liegt allerdings der sogenannte meteorologische Frühlingsanfang, den die Weltorganisation für Meteorologie der Vereinten Nationen wie auch den Beginn aller anderen Jahreszeiten aus Vereinfachungsgründen auf den Monatsbeginn, also auf den 1. März vorverlegt.

Ausgerechnet zum Frühlingsanfang meldet sich in diesem Jahr der Winter zurück, wenn auch nur kurzzeitig. Bisher war das Wetter seit Anfang Februar frühlingshaft warm und trocken, im Garten leuchteten bereits die Frühlingsblüher und der erste Schwung mit Schneeglöckchen und Krokus ist bereits verblüht. Da senkt sich plötzlich Schnee auf die bunte Pracht und die quellenden Knospen.
Dies scheint aber nicht neu zu sein: In seinem humorvollen Buch "Das Jahr des Gärtners" schreibt Karel Capek:

"Der Gärtner kann nichts anderes tun, als jeden Abend auf den Wetterbericht... zu lauern, die Hochdruckgebiete über Skandinavien und die Störungen über Island zu verwünschen. Denn wir Gärtner wissen, woher der Wind weht....
Aber trotz dieser schlechten Erfahrungen mit dem Wetter heißt der Gärtner Jahr für Jahr den Frühling willkommen und weiht ihn ein, und das gibt wiederum Zeugnis von dem unverwüstlichen, unwandelbaren Optimismus des menschlichen Geschlechts."

19. März 2007

Ein verregnetes Wochenende


Am 17./18.03.07 waren S. und ich Teilnehmer einer Klausurtagung des GEW-Kreisvorstandes (Lehrergewerkschaft) in Trebgast in Franken. Der Prospekt versprach:

"Idealer Urlaubsort; Badesee, Tennisplätze, Naturbühne und herrliche Wanderwege in der Nähe sorgen rund ums Jahr für Erholung und Abwechslung."

Davon war leider zur Jahreszeit (der Frühlingsanfang steht vor der Tür) nichts zu sehen. Dichte Bewölkung mit feinem Nieselregen nahe der Null-Grad-Grenze ließ in den Konferenzpausen nur kurze Ausgänge zu, die Hauptsensationen waren noch geschlossen. So blieb nur Gasthof und Metzgerei Friedrich, "der Familienbetrieb mit persönlicher Atmosphäre" in der Kulmbacher Straße. Die vorangegangene Besichtigung des Biermuseums in Kulmbach haben wir mit Geschick verpasst.
Trotzdem: nette Geselligkeit im Kreis der Kreisspitze. Auf der Rückfahrt ein Abstecher nach Coburg, um zu sehen, was aus unserem Projekt der Marktplatzneugestaltung geworden ist.

13. März 2007

Die Farbe Blau


Bei der Gestaltung meiner zur Zeit im Entwurfsstadium befindlichen Homepage habe ich mich für die Grundfarbe Blau entschieden. Letzten Anstoss dazu gab ein Beitrag im Kulturjournal des NDR am 12.03.07 über das Plattenlabel ACT und eine Ausstellung anläßlich seines 15-jährigen Jubiläums - die Ausstellung in der Weserburg, Museum für Moderne Kunst, Bremen heißt "Paint it Blue" und zeigt 60 zeitgenössische Werke aus der ACT Art Collection des Labelchefs Siegfried Loch. Der Titel "Paint it Blue" geht auf eine von Siegfried Loch 1996 animierte Aktion in Blau zurück mit dem Jazzmusiker Nils Landgren und dem Künstler Rolf Rose im Studio des Künstlers. Von 1997 existiert eine CD "Paint it Blue" (ACT 9243-2), die eine der erfolgreichsten Jazz-CD´s des Jahres war und mit den nachfolgenden ca. 100 Konzerten des Jazz-Posaunisten Nils Landgren dessen Durchbruch in Deutschland brachte.

Die Farbe Blau ist im Jazz kaum wegzudenken: allein das Platten-Label "Blue Note" hat Kultstatus und suggeriert die Wirkung der Farbe auch im Verbalen.
Blau versetzt in einen Zustand des Träumens, die Farbe stimmt sehnsüchtig, sie wirkt beruhigend und führt zu einer ernsthaften Sicht der Dinge nach innen. Die Farbe Blau gilt als Farbe des Gemüts und stimmt positiv. Die Blaue Blume der Romantik galt als Symbol des Aufbruchs zur Erfüllung von Sehnsüchten, aber auch als Symbol des Findens des eigenen persönlichen Glücks und Lebenssinnes. Das Denken an die Farbe löst Sehnsüchte und eine träumerische Stimmung aus und erzeugt gleichzeitig Geborgenheit und Ruhe.
Franz Marc gab mit seinen blauen Pferden und den anderen Tierdarstellungen den Geschöpfen der Natur die Seele zurück. Nicht zuletzt der "Blaue Reiter" war programmatisch gedacht.
Für eine Webseite, die sich mit Architektur, Kunst und Musik (Jazz) auseinandersetzt, passt also diese blaue Farbe.

Noch ein Wort zu Siegfried Loch: Er ist neben seiner Tätigkeit als Musikproduzent seit Jahrzehnten auch ein begeisterter Kunstsammler. Immer wieder hat er Brücken geschlagen zwischen Musik und bildender Kunst. Sein großes Interesse für bildende Kunst schlägt sich sichtbar auch in der Covergestaltung seines Labels ACT nieder.

12. März 2007

"Augenlust" - Die Sammlung Granville in Apolda


Georges de La Tour: Der Lampenausbläser
Um 1640. Öl

Wieder hat das Kunsthaus Apolda Avantgarde eine interessante Ausstellung zusammengestellt - ausgewählt wurden Werke des 17. bis 20. Jahrhunderts aus der Privatsammlung von Pierre und Kathleen Granville im Museé des Beaux-Arts de Dijon. Der gestrige Sonntagmorgen mit frühlingshaftem Sonnenschein, aber noch Temperaturen um die Null Grad war bestens geeignet für einen Besuch und so ging es gleich nach dem Frühstück nach Apolda. Besonders beeindruckten ein kleiner Juan Gris, eine Plastik Rodins und ein wunderbarer Minotaurus von Picasso, der auch das Plakat zur Ausstellung schmückt.

Aus dem Text des Flyers:
"Als Pierre und Kathleen Granville im Jahre 1948 beschlossen, eine Sammlung französischer Kunst des 17. bis 20. Jahrhunderts aufzubauen, verfügten sie nur über bescheidene Ankaufsmittel, aber über einen außergewöhnlichen Sachverstand.... Beim Tod von Pierre Granville im Jahre 1996 umfasste ihre hochkarätig bestückte Privatsammlung über 900 Werke der Malerei und Bildhauerei, die als Stiftung den Hauptbestand des renommierten Kunstmuseums der Stadt Dijon bilden."

Die Ausstellung läuft noch bis 25. März 2007.